You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Vorbemerkung der Redaktion
Der Streit zwischen den Tiefenpsychologen — nicht nur zwischen verschiedenen ihrer Schulen, sondern oft innerhalb ein und derselben — ist legendär. Er ist viel belächelt worden, viele hat er abgestoßen. Man darf es aber nicht mit dieser affektiven Quittierung eines wirklich beunruhigenden Phänomens bewenden lassen. Am Ende der Verwüstung Europas in den Religionskriegen soll Montaigne zu Heinrich IV. von Frankreich gesagt haben: Wozu der Streit, keiner kann beweisen, was er behauptet. Die Aufgeklärtheit unsrer Epoche ändert nichts an der Tatsache, daß Menschen leidenschaftlich an der Welt, je der ihren, teilnehmen. Ein Tiefenpsychologe verfolgt das in jeder Sitzung bei seinen Patienten. Aber offenbar kann man nicht über jenen Schatten springen, der persönliche Entscheidung heißt und der einen von den Entscheidungen der anderen trennt. Es wird nie ein tiefenpsychologisches Esperanto geben, wohl aber größere und kleinere Sprachbereiche der Tiefenpsychologie. Zu lernen, die Individualität aus ihren Entscheidungen zu verstehen, dafür ist der Tiefenpsychologe professionell im Umgang mit denen, die bei ihm Hilfe suchen, geschult. Was aber noch vernachlässigt zu sein scheint, ist die Schule des Umgangs untereinander. Aber darin ist nicht mehr ein wissenschaftliches Problem allein enthalten, sondern die große Dialektik von Toleranz und bindender Verantwortung. Daß hier sich das Problem der Selbsterkenntnis in doppelter Schichtung stellt, ist schon in der Forderung nach der Lehranalyse deutlich genug geworden. Und es ist nicht ganz so bedeutungslos, wie manche überzeugte Anhänger einer Schule glauben mögen, für das Problem des Verstehens, auch dort, wo man nicht in eigener Überzeugtheit zu folgen vermag. Wo liegt die Grenze von notwendiger Abschirmung gegen die Heterodoxie und bloßer Enge, trügerischer Selbstsicherheit? Soll diese Frage, wie sonst in der Welt, nur mit intuitionsgeladener Selbstgewißheit erledigt werden (so etwa wie Jaspers sich rühmt