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Freuds Anschauungen, das Über-Ich betreffend, haben sich im Verlauf von vier Jahrzehnten allmählich entwickelt. Zu verschiedenen Zeiten standen verschiedene Thesen im Zentrum seiner Gedankengänge. Freud hat seine Erkenntnisse nicht vorsichtig und zurückhaltend formuliert, sondern unter dem Einfluß dieser oder jener Entdeckung, wohl auch aus didaktischen und dialektischen Gründen sprach er scharf akzentuierend. Schließlich ist er im Gebrauch seiner Termini großzügig, unbedenklich oder, um es negativer zu sagen, ungenau.
Man könnte also die Auskünfte Freuds über das Über-Ich literarkritisch angehen, so wie der kritische Theologe es mit der Bibel tut. Es ließen sich dann mehrere Meinungsschichten voneinander abheben, verschiedene Thesen aufzeigen, die unverbunden nebeneinanderstehen, eine Reihe von logischen Widersprüchen nachweisen. Eine derartige Verfahrensweise wäre zwar wissenschaftlich berechtigt, weil aber gleichzeitig ihr Schwerpunkt nicht auf dem von Freud Beschriebenen, sondern auf seinem Beschreiben läge, wissenschaftlich unfruchtbar. Um also die Arbeiten Freuds über das Über-Ich für die tiefenpsychologische Theorie und Praxis noch fruchtbarer zu machen, werden wir versuchen, die differenten Angaben zusammen zu sehen, die auseinanderweichenden Thesen zu verbinden und in der Terminologie von der Ganzheit der Freud schen Aussagen aus zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zu unterscheiden. Hier und da wird es freilich nötig sein, Freud durch Freud zu kritisieren.
Ein Über-Ich als1 „ursprüngliches, sozusagen natürliches Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse“ lehnt Freud ab2. Das Über-Ich ist seiner Meinung nach aus konstitutionellen Faktoren und Umwelteinflüssen3 im Lauf der menschlichen Phylogenese und Ontogenese entstanden.
Betrachten wir zuerst die Entwicklung des Über-Ich beim Einzelwesen. Besonders in seinen Schriften der zwanziger Jahre führt Freud das Über-Ich recht einseitig auf den Ödipuskomplex zurück4. Er geht aus von der Annahme, daß der Ödipus