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In den letzten Jahren wurde der Versuch immer häufiger unternommen, die Grundzüge und Grundsätze der Lehren von Jung und Freud, den zwei großen Pionieren der Tiefenpsychologie, miteinander zu vergleichen, sie in Parallele zu setzen oder sie gegenseitig abzugrenzen, gar gegeneinander auszuspielen. Die eine Gruppe ereiferte sich in Behauptungen und Beweisen, bei Jung gäbe es nichts Neues, alles sei schon von Freud entdeckt und festgelegt und von Jung nur übernommen oder höchstens modifiziert worden; die andere jedoch betonte nicht weniger nachdrücklich, Jung stände ohne Vorgänger da, sein Werk sei autochthone Neuschöpfung, mit keinem anderen psychologischen Lehrgebäude vergleichbar. Die einen wollten Freud als Bollwerk gegen den Jung schen „Panmystizismus“, die andern Jung als Bollwerk gegen den Freud schen „Pansexualismus“ verstanden wissen. Wo man aber schon von Anfang an von falschen Prämissen oder gar von vorgefaßten Meinungen ausgeht, wie soll man dort zu richtigen Schlüssen kommen? Man vergesse doch nie, auch in solchen Fällen nicht, daß die Voraussetzung zu jedem wirklichen Verstehen einer Aussage, laut Jung, die Berücksichtigung der „subjektiven Gleichung“ d. h. der „psychologischen Konstellation“2 des Autors zu sein hat. Wenn dem jedoch in der Tat so ist, wo liegt dann die „Wahrheit“ ? Läßt sie sich im Kampf der Schulen und der Temperamente uberhaupt noch finden?
Da es sich bei beiden Lehren um bereits relativ abgeschlossene Konzeptionen handelt, dürfen wir, die Schüler, vielleicht heute, wo der eine Meister tot ist, und der andere, Jung, soeben in sein neuntes Jahrzehnt tritt, das Wagnis unternehmen, diese „Wahrheit“ vorurteilslos zu suchen und nach bestem Wissen aufzuzeigen, wobei freilich auch ein jeder von uns von jenem Gesetz der „subjektiven Gleichung“ mehr oder weniger bestimmt sein wird. Auch kann es sich dabei angesichts des hier verfügbaren Raumes nur um Skizzenhaftes handeln, das bestenfalls einige wesentliche Züge, gleichsam die Umrisse der äußerst