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In diesem Hörsaal, in dem eine Tradition der tiefen Ehrfurcht vor dem Menschlichen des kranken Menschen das medizinische Denken vor dem Verfall in eine naturwissenschaftliche und technische Disziplin bewahrte, wird es verständlich sein, daß der Arzt immer ein gewisses Mißtrauen gegenüber der Philosophie beibehielt. Seine Wissenschaft läßt sich nicht auf allgemeine Lehrsätze und abstrakte Begriffe gründen, sondern das Ethos und Pathos des ärztlichen Denkens und Handelns geht zu allen Zeiten ausschließlich aus der persönlichen Zuwendung zum Patienten hervor. Im kranken Menschen begegnet der Arzt dem Geheimnis der Einheit und des Gegensatzes zwischen dem bewußten und unbewußten Leben, seiner körperlichen Bedingtheit und Manifestation im Ausdruck, wie auch seiner Emanzipation davon in der Freiheit, der Vernünftigkeit und Sittlichkeit des Geistes. Am Krankenbett gilt es für den Arzt, nur ein anständiger Mensch zu sein, ein „homme honněte“ (Pierre Mauriac); dies aber bedeutet eine Verantwortlichkeit für die Tiefe der Erkenntnis des Menschen, der Hilfe sucht in seiner Not.
Aus drei Gründen wird der Arzt gezwungen, sich für den Schmerz zu interessieren. Erstens, weil er, wie Hippokrates schon lehrte, als Arzt durch Gott berufen ist, den Schmerz zu lindern. Zweitens, weil Schmerz als Krankheitssymptom für seine Erkenntnis fundamentale Bedeutung hat. Und drittens, weil kein anderer als der Arzt — bei aller objektiv betrachtenden Haltung — das Leiden am Schmerz aus solcher Nähe beobachtet.
Zugleich mit dieser unmittelbaren Nähe ist die Gefahr gegeben, daß der Mediziner den umfassenden Zusammenhang des Schmerzes mit der Natur und mit der menschlichen Wirklichkeit, seine Existenz, sein leibliches In-der-Welt-Sein nicht überblickt. Darum braucht der Arzt dennoch eine philosophische Bildung, damit er das Wort von Oswald Schwarz versteht: „Die medizinische Problematik wurzelt tief in einer Philosophie des Geistes.“
Wenn der Arzt sich über das Krankenbett beugt, wird er in der angstvol