You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Gehörte bis weít über die Aufklärungszeit hinaus die Gedankenfreiheit besonders im Hinblick auf den herrschenden religiösen Konformismus zwar zu den Forderungen, zu denen die Vortrupps der Gesellschaft standen, so überdauerte in der Breite der mittelalterliche Konvergenzzwang der Orientierung für Glauben und Gehaben. Während sich die ständische Ordnung unter dem Zwang der Industrialisierung, Entwurzelung und sprunghaften Vermehrung der Menschen bis auf relativ oberflächliche Kongruenzen des Lebensstandards auflöste, behielten die institutionalisierten Kirchen eine zwar gemilderte, aber heftige Kraft der Umzingelung ihrer Mitglieder zur Glaubens- und von hierher bestimmten Verhaltenseinheit1.
Zur gleichen Zeit sind aber wesentlich neue und altes neuformulierende Anpassungsforderungen aufgetaucht. Neu ist der Adaptationszwang, der vom technischen Fortschritt und der Vermehrung der Lebenden, wie ihrer erhöhten Lebenserwartung ausgeht; neu im ungemildert brutalen Sinn des Anfangs, alt in der Ausrichtung auf Überzeitlichkeit ist der ganz auf Innerweltlichkeit der Endziele ausgerichtete Glaubensterror in „erwachenden“, d. h. zur Industrialisierung und Aufgabe alter Lebensformen gezwungenen Kontinenten und Subkontinenten. Die große Leistung der Aufklärung, die Europa zweimal, im Hellenismus und im 18. Jahrhundert zu seinem Geschichtsbewußtsein beigetragen hat, fehlt dort. Aber wenn es auch diesem europäischen Bewußtsein eine besondere Fülle gegeben hat, daß es sich dem Zweifel und der Relativität, d. h. dem letztlichen Ungenügen, aller zwischenmenschlichen Einrichtungen ausgesetzt sah, die Aggressivität der natura humana hat darunter nicht nur nicht gelitten, sie sprang vielmehr gleichzeitig (im römischen Imperium wie in der Ära des Kolonialismus) in eine Unbegrenztheit, die im zweiten Ansatz keines der gleichzeitigen Sozialgehäuse unberührt ließ. Was heute an Aggression in den oberflächlich kolonial-domestizierten Welträumen sich