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Bei einer Nachprüfung der theoretischen Probleme, die mich im Laufe meiner Berufsarbeit angezogen haben, entdecke ich, daß die Sicherheit der Behauptungen in umgekehrtem Verhältnis steht zur wachsenden Erfahrung. Das ist schlimm genug. Wer sollte über analytische Fragen verbindliche, feststehende Aussagen machen, wenn nicht der, der zwanzig Jahre und länger im Kampf mit der Neurose gestanden hat. Aber unser Gegenstand, der neurotische Mensch in seiner Rätselhaftigkeit, ist ja nur ein Teilproblem des Rätsels Mensch überhaupt: je mehr wir über die Neurose nachdenken, ihre wechselvollen Bilder und ihre Eintönigkeit, desto deutlicher wird uns, daß kein größeres Rätsel auf dieser Welt ist als das Rätsel Mensch.
Erst wer lange gearbeitet, viele Menschen gesehen, viele Leiden mit ihnen durchgestanden hat, wird Freuds Größe begreifen, der die erste Fährte durch den unbetretenen Urwald neurotischen Geschehens schlug. Alle, auch die gegnerischen Schulen, müssen zugeben, daß Freud unserer Wissenschaft den Weg gewiesen hat. Über fünfzig Jahre gibt es nun Psychoanalyse. Aber noch immer gilt Freuds Wort, das in seiner Bescheidenheit die echte Größe dieses Mannes besonders deutlich enthüllt:
“Wir finden uns unversehens wieder vor der so oft gestellten Vexierfrage, woher kommt die Neurose, was ist ihr letztes, das ihr besondere Motiv? Nach jahrzehntelangen analytischen Bemühungen erhebt sich dies Problem vor uns, unangetastet, wie zu Anfang.“
Gibt es einen Schritt über Freud hinaus, der wahrscheinlich nicht zurückgenommen zu werden braucht, einen wirklichen Fort-Schritt, so ist es die eine Sicherheit, daß Neurose in ihren Ursprüngen eher ein soziales Phänomen ist als ein medizinisches, die allmählich herrschend werdende Überzeugung vom „dialogischen“ Charakter aller neurotischen Phänomene. Zu einem neurotischen Menschen gehört seine Umwelt, insonderheit seine infantile Umwelt in ganz anderem Sinn „dazu“ wie etwa zu einem Infektionskranken. Neurose erscheint mehr und mehr als eine Antw