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Wir haben die Zeitdokumente der Kinsey-Berichte für wichtig genug gehalten, um unseren Lesern eine ausführliche Besprechung und einen Inhaltsabriß beider Bände zu geben1, noch bevor die deutschen Übersetzungen vorlagen. Diese sind in umgekehrter Reihenfolge erschienen. Der Band über das sexuelle Verhalten der Frau2 ist auch in Deutschland auf so lebhaftes Interesse gestoßen, daß der Verleger der deutschen Ausgabe sich entschloß, den 1948 erschienenen Bericht über das sexuelle Verhalten des Mannes3 den deutschsprachigen Lesern übersetzt nachzuliefern. Wir könnten uns in Anbetracht unserer früheren Darstellung mit einem Hinweis auf das Erscheinen der deutschen Übersetzung des Kinsey-Bandes über das sexuelle Verhalten des Mannes begnügen. Die Diskussion des Kinseyschen Anliegens ist jedoch so lebhaft geblieben, daß es uns gerechtfertigt scheint, noch einmal zur Lage zwischen den Fronten Stellung zu nehmen. Wir greifen dazu aus den deutschsprachigen kritischen Stimmen als eine prototypische die von Helmut Schelsky heraus.
Schelsky hat 1954 in der Zeitschrift „Wort und Wahrheit“ über „Die Moral der Kinsey-Reporte“4 sehr entschiedene Polemik gegen Grundpositionen und Methoden Kinseys geführt. Die dort vorgetragenen Angriffspunkte hat Schelsky 1955 in seine „Soziologie der Sexualität“5 übernommen und weiter ausgebaut. Wir gehen im folgenden auf diese beiden Schriften Schelskys ein. Auf der anderen Seite hat Kinsey in Giese-Willys Handbuch „Mensch—Geschlecht—Gesellschaft“ ein Kapitel „Begriff des Normalen und Abnormen im Geschlechtsverhalten“6 geschrieben, dessen Positionen von ihm ausdrücklich auf die Grundlage seines „Sexual Behavior in the Human Male“ zurückgeführt wurden7. Wir wollen von Kinsey im wesentlichen diesen Handbuchartikel8 vornehmen, um Positionen herauszu-stellen, gegen die sich Schelsky polemisch wendet.