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Wir besitzen zwar eine große Zahl von authentischen Berichten über die sogenannten primitiven Völker, aber diese geben uns kaum einen Hinweis auf den Sinn, die Funktion und die seelischen Auswirkungen dieser primitiven Kulturen, die man wohl besser archaisch nennen würde. Während eine erklärende Theorie die andere ablöst, hat sich zugleich auch die Art der Problemstellung geändert. Unter dem Eindruck all des Fremden, das in den anekdotischen Berichten der ersten Reisenden zum Ausdruck kam, suchte die Wissenschaft vorerst die spezifischen Unterschiede zwischen der primitiven und der zivilisierten Mentalität herauszuarbeiten; sie tat es mit Hilfe der damals gültigen wissenschaftlichen Psychologie und ihrer soziologischen Dogfrien. Als indessen mit dem Fortschritt der Psychoanalyse die Kenntnisse des Trieblebens vertieft wurden, ergab sich auch ein besseres Verständnis für die primitive Mentalität durch den Vergleich mit den Inhalten und der Dynamik der archaischen Schichten des Seelenlebens ganz allgemein. Es war zuerst die Tiefenpsychologie, nachher aber auch die Kinderpsychologie, welche der Reihe nach wertvolle Vergleichsmöglichkeiten mit der seelischen Struktur der Primitiven boten.
Die Methode der psychoanalytischen Deutung, angewandt zuerst bei den Mythen, den Glaubenshaltungen und den rituellen Handlungen, bewies einleuchtend die Allgemeingültigkeit und Universalität der Inhalte und Reaktionen des Unbewußten. Auf der Basis des Vergleichs zeigten sich ferner die überall gleichbleibenden Grundelemente des magischen Denkens. Seit man vor etwa 15 Jahren anfing, die einzelnen Tatsachen unbelastet von subjektiven Vorurteilen des Beobachters zu untersuchen, trat die Bedeutung der persönlichen Erfahrung des sogenannten Primitiven immer besser hervor. Zugleich wandte sich das Interesse immer mehr der Struktur und dem inneren Gleichgewicht des ganzen sozialen und kulturellen Systems zu, sofern es jedenfalls durch seine Mitglieder als eine funktionelle Einheit erlebt wurde