You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Seit 20 Jahren—im Zusammenhang mit dem Dekret des ZK der KPdSU (B) gegen die spekulativen Erziehungsberatungen (Pädologie)—ist in der Sowjetunion und damit auch im Satellitenraum die Psychoanalyse verboten. Seit 1950 ist die Pawlow sche Lehre von den Reflexen als „die wahrhaft objektive dialektisch-materialistische Lehre vom menschlichen Verhalten“ die verbindliche Grundlage der Psychologie, Pädagogik und weitgehendst auch der Medizin.
Nun sind zum 100. Geburtstag von Freud in der ostdeutschen Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ einige Auszüge aus Freuds Werken (Bd. X) und ein lobender Gedenkartikel über ihn von Arnold Zweig erschienen. Gleichzeitig veröffentlichte A. Mette in dem VEB Verlag Volk und Gesundheit eine biographische Arbeit über das Leben und Wirken Freuds. Unwillkürlich muß man sich fragen, was diese überraschenden Veröffentlichungen bedeuten. Stellen diese Erscheinungen eine Auflockerung der strengen antipsychoanalytischen Wissenschaftslenkung im Sinne eines nachstalinistischen Tauwetters dar, wie Laqueur kürzlich vermutete?1
Mette begründet sein Unternehmen mit folgenden Worten: „Hätte Freud seinen Zeitgenossen nach Art eines routinierten Scharlatans tatsächlich nur Sand in die Augen gestreut, so bestände kaum Anlaß, seiner mit einer chronologischen Darstellung seines Schaffens und Wirkens heute noch zu gedenken. Seine mühevolle Arbeit als wissenschaftlicher Outsider, unter Verzicht auf relativ leicht erringbare Einkünfte … gestatten hingegen eine Würdigung, zumal sich in seinem Werdegang manches spiegelt, was für den liberalen Flügel der damaligen Intelligenz in einer Reihe von kapitalistischen Ländern einigermaßen typisch war.“2 Nun spielt der linke Flügel der liberalen Intelligenz bei dem Versuch der historischen Begründung der bolschewistischen Diktatur in Ostdeutschland als sinnvolles Endstadium einer gesellschaftlichen Entwicklung eine große Rolle. So wie die Dekabristen und Narodniki zu den Vorläufern der kommunistischen Bewegung in der Sowjet