You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Alfred Adlers „Menschenkenntnis“, vor fast genau 30 Jahren zum erstenmal erschienen, liegt nunmehr in 6. Auflage vor. Dieses Buch ist aus Wiener Vorlesungen hervorgegangen und wendet sich ausdrücklich an den „breitesten Leserkreis“ (Vorwort). Es möchte die Grundlagen der individualpsychologischen Theorie, Erkenntnis und Verständnis anderer Menschen sowie Ermutigung übermitteln und zu Selbsterkenntnis anregen. Adlers Anliegen ist somit heute unvermindert aktuell.
Die Besprechung eines bereits bekannten Werkes eines Psychologen von Rang wie Adler birgt folgende mögliche Gefahren in sich:
aus der Bekanntheit der Adler schen Thesen deren Richtigkeit und wissenschaftliche Wahrheit, ja deren Selbstverständlichkeit zu folgern;
ohne kritische Stellungnahme die Adler sche Position als zugehörig zum Bestand autoritativ-psychologischer Ansichten zu charakterisieren;
durch Tradition üblich gewordene und festgefahrene Gegenbehauptungen zu bringen, ohne ihre Wahrheit ersichtlich zu machen.
In vorliegender Besprechung wird versucht, diese Gefahren zu meiden.
Ein Grundanliegen und zugleich Verdienst Adlers in diesem Buch ist, Menschen von der Angst vor vermeintlich schicksalhafter Determiniertheit—vor allem vor dem vermeintlich angeborenen Charakter (Seite 16, 126) und der vermeintlichen Determiniertheit von psychischen Eigenschaften durch Organminderwertigkeiten (Seite 150)—zu befreien, sie so der Möglichkeit der Freiheit zu versichern (Seite 14), sie von ihrer infantilen Lebensschablone abzubringen, sie zu ermutigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten, um so nicht nur zu biologisch, sondern auch zu psychisch erwachsenen und zu geistig mündigen Personen zu werden. „Denn es ist sicher, daß die Kausalität (Adler meint die innere Konsequenz) eine ganz andere wird, daß die Auswirkungen eines Erlebnisses völlig andere werden, wenn im Menschen noch eine Kraft, noch ein Motiv lebendig wird, die Selbsterkenntnis, das gesteigerte Verständnis dessen, was in ihm vorgeht und au