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Es kann schwerlich ein Zufall sein, daß das bei weitem eindrucksvollste, uns bekannte Bildwerk einer ganzen Kultur uns in seinem Thema rätselhaft bleibt. Wer ist jener jedem Besucher Kretas unvergeßliche „Blütenprinz“, dessen als Fresko im Palast von Knossos aufgefundenes Bildnis Evans so schön — freilich in bezug auf das Antlitz mit unvermeidbarer Willkür — rekonstruiert hat? Als Blütenprinz gilt er, weil er auf dem Haupte eine Art Blütenkrone trägt. Als Prinz erscheint er, weil sein Bildnis, dem Gebrauch entgegen, überlebensgroß (2,10 m) ist und seine herausfordernd stolze Gebärde nur einem Höchstgestellten angemessen zu sein scheint. Seine Jugendlichkeit, sein Auftreten als einzelner, in einer in keiner Art als zeremoniell anzusprechenden Pose, machen es anderseits unmöglich, in ihm einen König zu sehen. Er ist eben „Prinz“.
Da die Rekonstruktion des Antlitzes, wie gesagt, willkürlich ist, läßt sich nicht entscheiden, ob der Künstler ihm Individualität gegeben oder ihn völlig als Typus aufgefaßt hat. An dieser Stelle hilft aber ein Analogieschluß nach: Es fehlt in der kretischen Kunst nicht an mehr oder minder porträthaften Darstellungen von Niedriggeborenen. Kein porträthaftes Bildnis eines Hochgeborenen ist uns jedoch bekannt. In seiner schönen zusammenfassenden Darstellung hebt Friedrich Matz1 hervor, es sei „das Merkwürdigste, daß ein minoischer König im Bilde bisher noch nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden konnte, wo doch das ganze Aufgebot von monumentaler Architektur und von kunsthandwerklicher Produktion offensichtlich um diese Mitte kreist“. Was hier von Königsbildern gesagt ist, gilt auch von Königsnamen: Es ist uns kein einziger gesichert vorindogermanischer Königsname aus Kreta und keine einzige eindeutig vorindogermanische Königssage — deren doch Herodot und andere so viele aus Ägypten und Babylon bewahrt haben — bekannt. Noch mehr: Die Entzifferung der sogenannten kretischen „LineareB“