You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Auf dem letzten Ärztetag in Münster (im September 1956) wurde die Schaffung eines Zusatztitels „Psychotherapie“ im Rahmen der Facharztordnung beschlossen. Die Führung soll vom Nachweis einer „Weiterbildung“ abhängig sein. Wie diese Weiterbildungsfrage in ihren Grundzügen auch gelöst werden mag, sie wird einige Sachverhalte bloßlegen, die bisher nach dem Prinzip der „Realitätsverleugnung“ kaum Gegenstand des Interesses der zuständigen wissenschaftlichen Gremien und der Kultusministerien waren. Das Argument lautete etwa folgendermaßen: Psychotherapie ist eine junge Wissenschaft, ihre Fundamente sind nicht gesichert. Man weiß nicht, welcher „Schule“ man das Recht zugestehen soll, als „die“ Psychotherapie zu gelten, welche demgemäß Unterstützung und Akademisierung verdient. Psychotherapie sei „wildwüchsig“ entstanden und bleibe besser in diesem — man muß dann weiterfolgern: „unveredelten“ — Zustand. Diesen Reflexionen entspricht die institutionelle Situation: private Ausbildungsinstitute ohne oder mit sehr unzureichenden Zuschüssen für den Lehrbetrieb; keine Planstellen für Ausbildungs- und Ambulanzleiter, Dozenten, die aus purem Interesse für die Sache ohne nennenswerte finanzielle Unterstützung für ihre Lehrtätigkeit unterrichten müssen. An den Universitätskliniken, mit wenigen Ausnahmen, welche die Regel bestätigen, keine ausgebildeten Tiefenpsychologen als Dozenten, mehr oder weniger „wildwüchsige“ psychotherapeutische Eigenbröteleien nunmehr im akademischen Sektor, wenn man die Minimalbedingungen der Ausbildung als Maßstab anlegt, die von der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie und Tiefenpsychologie ausgearbeitet wurden — übrigens in Anlehnung und Übereinstimmung mit den „Minimal Standards for Training“ z. B. der American Psychoanalytic Association1 und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung —.
Das Argument, daß man noch nicht wisse, welcher der tiefenpsychologischen Schulen die Palme zuzuerkennen sei, scheint übrigens wenig beweiskräftig. Es hat s