You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Geschichte der Psychiatrie teilt ziemlich viele ihrer Charakteristika mit der politischen oder Wirtschaftsgeschichte, und auch mit der Geschichte der Naturwissenschaften. Das ist weiter nicht verwunderlich, denn die Geschichte der Psychiatrie ist ebensosehr die Geschichte menschlicher Wesen wie jede andere Geschichte auch, und teilt mit diesen notwendigerweise auch die Schwächen, so auch die allen Menschen gemeinsame Fähigkeit zu irren. In bezug auf wissenschaftliche Irrtümer haben wir jedoch in den letzten 350 Jahren wohl gelernt, toleranter zu sein, während wir in der Politik oder der Religion noch immer geneigt sind, Irrtümer zu verdammen und Fehlmeinungen sowie jene, die sie unterhalten, zu bekämpfen, als ob es sich um mehr oder weniger verbrecherische oder unsittliche, zudem noch vorsätzliche Akte handele.
Seitdem die Psychiatrie als Fachwissenschaft sich sowohl von der dogmatischen Theologie wie von der pathologischen Anatomie ablöste — ein Prozeß, der nur allmählich vor sich ging und erst in der jüngsten Zeit zu einem sichtbaren Tatbestand wurde —, beansprucht sie mit Recht ihren eigenen Platz in der Hierarchie der medizinischen Disziplinen. Sie behauptet ihre enge Verbindung zur Soziologie und Anthropologie und zu den Geisteswissenschaften im allgemeinen — genau so wie die Medizin enge Arbeitsbeziehungen zur Physiologie und Chemie unterhalten muß. Eben diese enge Verbindung der Psychiatrie zu den Geisteswissenschaften mit ihren Wertproblemen und Problemen der verschiedenen Modalitäten menschlichen Handelns läßt nun die Schwächen und Irrtümer, die in der Geschichte der Psychiatrie aufbewahrt sind, auffallender hervortreten. Diese Irrtümer haben so viel Unzufriedenheit und leidenschaftliche Ungeduld erweckt, daß sie bei einzelnen Psychiatern zu Härte und Intoleranz, bei anderen zu leeren Formulierungen und mangelhafter Einschätzung der klinischen Details geführt haben.
Wir alle unterliegen der weitverbreiteten Schwäche gegenüber dem Druck der Terminologie, d