You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wir stellen die Frage nach dem Erlebnis des Schönen im Rahmen der Libidoentwicklung. Das Erlebnis des Schönen soll demnach aus dem Horizont der psychoanalytischen Libidotheorie gedeutet werden.
In der Lehre von der Stufenentwicklung der Libido findet sich jedoch kein Hinweis auf das Erlebnis der Schönheit. Es ist hier keine Rede davon, daß etwa die Entdeckung der weiblichen Schönheit für eine bestimmte Phase der Libidoentwicklung charakteristisch wäre. Aber auch sonst sind die Hinweise auf das Problem der Schönheit im Werke Sigmund Freuds recht spärlich.
Das ließe sich leicht dadurch erklären, daß man die Frage nach dem Erlebnis der Schönheit von einem biologischen oder psychologischen Gesichtspunkt her nicht lösen kann. Die Schönheit ist ein kulturgeschichtliches und nicht zuletzt auch ein religiöses Phänomen. Aber Freud hat betont, daß auch die Entstehungsgeschichte der menschlichen Kultur, Religion und Gesellschaftsordnung zum Aufgabengebiet der Psychoanalyse gehöre. Im Rahmen dieser Fragestellungen sei sie auch auf das Problem der Schönheit gestoßen. Sie habe es zwar so wenig wie die Ästhetik lösen können, aber es sei ihr doch geglückt, die Ableitung aus dem Sexualempfinden nachzuweisen (XIV/441). So deutet Freud die Schönheit als den „optischen Weg, auf dem die libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird“. Auf diesen Weg „rechnet die natürliche Zuchtwahl, indem sie das Sexualobjekt sich zur Schönheit entwickeln läßt“ (XV/55).
Bei der Tendenz Freuds, alle Kulturphänomene aus der Sexualität abzuleiten, kann diese Deutung nicht überraschen.
Die Schönheit steht, nach Freuds Auffassung, im Dienste der Sexualität. Aber diese Dienststellung hat doch ihre Besonderheiten. So weist Freud darauf hin, daß die Natur nur den Körper im Ganzen und gewisse sekundäre Geschlechtsmerkmale schön gemacht habe. „Die Genitalien selbst“, schreibt er wörtlich, „haben die Entwicklung der menschlichen Körperformen zur Schönheit nicht mitgemacht, sie sind tierisch geblieben, und so ist auch