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Zusammen mit den fundamentalen sozialen Veränderungen, die sich während der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts abspielten, hat sich die Funktion der Psychoanalyse in der Kultur geändert. Der Zusammenbruch der liberalen Ära und ihrer Versprechungen, die Ausbreitung totalitärer Tendenzen und die Anstrengungen, sich diesen Tendenzen entgegenzustellen, kommen auch in der Psychoanalyse zum Ausdruck. Während der zwanzig Jahre ihrer Entwicklung vor dem ersten Weltkrieg hat die Psychoanalyse die Begriffe für die psychologische Kritik der am höchst bewerteten Errungenschaft der modernen Zeit erarbeitet: des Individuums. Freud wies nach, daß Hemmung, Verdrängung und Triebverzicht der Stoff sind, aus dem die „freie Persönlichkeit“ gemacht ist; er erkannte, daß das „allgemeine Elend“ der Gesellschaft die unüberschreitbare Grenze ist, die der Heilung und dem normalen Dasein entgegenstehen. Die Psychoanalyse war eine radikal kritische Theorie. Späterhin, als Mittel- und Osteuropa in revolutionären Aufruhr gerieten, stellte sich heraus, in welchem Maße die Psychoanalyse noch der Gesellschaft verhaftet war, deren Geheimnisse sie freigelegt hatte. Der psychoanalytische Begriff des Menschen mit seinem Glauben an die grundsätzliche Unveränderlihkeit der menschlichen Natur erschien jetzt als „reaktionär“; die Freudsche Theorie schien zu besagen, daß die humanitären Ideale des Sozialismus menschlich unerreichbar seien. Nun begannen die Neuerer in der Psychoanalyse Antrieb zu gewinnen.
Es wäre verlockend, von einer Spaltung in einen linken und einen rechten Flügel zu sprechen. Der ernsthafteste Versuch, die kritische Gesellschaftstheorie Freuds weiter zu entwickeln, wurde von Wilhelm Reich in seinen frühen Schriften unternommen. In seiner 1931 erschienenen Arbeit „Einbruch der Sexualmoral“ orientiert Reich die Psychoanalyse an der Beziehung zwischen der sozialen und der Triebstruktur. Er unterscheidet das Ausmaß, in dem die sexuelle Unterdrückung durch die Interessen der Herrschaft und de