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Taylor stellt die Grundzüge der Geschichte des sittlichen Verhaltens dar, wie sie sich vor allem im Wandel sexueller und religiöser Haltungen spiegeln. Er beschränkt sich zur Hauptsache auf das westliche Europa und die christliche Ära. Gleichzeitig unterwirft er das von ihm gesammelte Material einer Analyse und entwickelt eine psychoanalytisch fundierte Theorie, welche uns zu einem besseren Verständnis der geschilderten historischen Entwicklung verhelfen soll. Diese Theorie ist in großen Zügen folgende: Wir können, neueren Anschauungen der Anthropologie folgend, zwischen Schamkulturen und Schuldkulturen unterscheiden. Die vorchristlichen Kelten besaßen beispielsweise eine Schamkultur. Für sie stand der Beifall der Allgemeinheit und die Angst vor Demütigung im Mittelpunkt ihres öffentlichen Interesses. Sie waren daher bestrebt, in Übereinstimmung mit den allgemeingültigen Gebräuchen zu leben. Schuldgefühle kannten sie nicht. Im Gegensatz hierzu errichteten die frühen Christen eine Schuldkultur. Sie kümmerten sich wenig um den öffentlichen Beifall und die Meinung der anderen, forderten diese im Gegenteil oft genug heraus. Sie bemühten sich, der inneren Stimme ihres Gewissens zu folgen und waren von Schuldgefühlen und Gewissensängsten beherrscht.
Wie ist dieser Unterschied zu verstehen? Taylor meint, diese beiden Grundhaltungen entsprächen den zwei Möglichkeiten des Kindes, mit dem Ödipuskomplex fertig zu werden. Entweder identifiziere sich das Kind mit seinem Vater und wünsche dessen Platz bei der Mutter einzunehmen — dies sei die Lösung des „Paternisten“ —, oder es identifiziere sich mit seiner Mutter, unterwerfe sich dem Vater und werbe um