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Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist man ziemlich allgemein dahin gekommen, zu akzeptieren, daß auch das Kind schon eine Sexualität besitzt. Dies zu leugnen, wie es einst geschah, als Sigmund Freud darauf hinwies, geht nicht länger an, nachdem der Welt dafür die Augen geöffnet worden sind. Früher sah man die Tatbestände einfach nicht, weil man sie aus eigenen Verdrängungen zum vornherein für inexistent hielt. Das Kind galt als „rein, unschuldig und engelgleich“, punktum, und wer an dieser Betrachtungsweise zweifelte, war suspekt; er hatte eine „verdorbene Phantasie“ und beging beinahe ein Sakrileg. Kam man nicht darum herum, bei einem Kleinkind sexuelle Äußerungen festzustellen, etwa dann, wenn es offensichtlich onanierte, glaubte man an „Frühreife“, an einen „Ausnahmefall“ und schritt, alarmiert, pädagogisch ein. Der onanierende Säugling wurde etwa in Höschen aus dicker Wolle zum Schlafe gelegt; Ärzte empfahlen, ihm Fausthandschuhe anzuziehen, die man mit Bändern so befestigte, daß er sich nicht davon befreien konnte, und damit er bei seinen Manipulationen am eigenen Körper noch weiter behindert sei, steckte man seine Ärm-chen in Röhrenmanschetten aus Karton; wehrte er sich dagegen, schrie er zornig, wollte er nicht einschlafen, wurden ihm Baldriantropfen zur Beruhigung verschrieben. Mit diesen Maßnahmen gewöhnte man das Kleinkind, auf seine autoerotische und autistische Lustquelle zu verzichten. Hierzu gab es noch weitere ähnliche Dressurmittel, die uns heute ebenso barbarisch anmuten, wie die Zwangsjacke mit den Kartonmanschetten.
Denn die Zeiten und die Ansichten haben sich geändert. Man gewährt dem Kinde ein größeres Maß an Freiheit als früher, und man entsetzt sich nicht weiter, falls man an ihm sexuelle Betätigungen beobachtet. Und dies tut jede Mutter, jede Kleinkinderpflegerin. Manch eine hält sich zwar an das Rezept, es wohl zu wissen, zu sehen, immer wieder bestätigt zu finden, aber keinesfalls darüber zu sprechen. Denn die Sexualtabus sind immer noch wirks