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„Ganz abweichend von so vielen anderen haben Sie nicht zugelassen, daß Ihre intellektuelle Entwicklung, die Sie meinem Einfluß immer mehr entrückte, auch unsere persönlichen Beziehungen zerstörte, und Sie wissen nicht, wie sehr eine solche Feinheit dem Menschen wohltut.“ Diese Stelle aus einem Brief Freuds an Ludwig Binswanger aus dem Jahre 1929 ist nicht nur charakteristisch für die Art der menschlichen Beziehung, um deren Pflege beide Männer sich in mehr als 30 Jahren bemühten, sie scheint dem Referenten überhaupt ein nachdenkenswertes Wort über die Freundlichkeit. „Ich war gerne bereit, andere lieb zu haben… aber viele haben es mir unmöglich gemacht“, steht in einem anderen Brief des gleichen Jahres. Ein Analytiker wird ein derartiges Bekenntnis, auch, und vielleicht gerade, wenn es von einem 73jährigen stammt, nicht sogleich als einzig mögliche Motivation der Schwierigkeiten annehmen wollen, die so in der Rückschau beleuchtet werden. Stammte der Passus aus dem Brief eines weniger von der erdrückenden Mehrheit seiner Zeitgenossen Gebrandmarkten, mit dem ganzen Gewicht aller möglicher Autoritäten Verworfenen, so könnte man in einer solchen Bemerkung zuerst die narzißtische Trauer darüber sehen, daß man selten verstanden wurde — wobei dem bewußten Ich die Einsicht erspart bleiben soll, daß man selbst selten verstanden hat. Aus der Feder Freuds erhält der Satz einen Ton echter Tragik; wenn man mit diesem großen Wort die Tatsache bezeichnen will, daß die individuelle Handlung unter einem Zwang des Erkennenwollens steht, der die Toleranz der Mitmenschen übersteigt. Wir wissen aus der „Traumdeutung“ und neuerlich aus den Fließ-Briefen zur Genüge davon, wie sehr die persönliche Neurose für Freud das genial genützte Vehikel seines Erkenntnisstrebens war: die zitierte Briefstelle erhellt für einen Augenblick, daß auch die außerordentliche Leistung von einem Menschen vollbracht werden mußte, der insoweit der condition humaine unterlag, daß es auch ihn in den Jahren der Rei