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Innerhalb von etwa 50 Jahren entwickelte sich die Psychoanalyse, zumindest in den Vereinigten Staaten von Amerika, aus einem Außenseiter zum Innenseiter. Stand sie vor einem halben Jahrhundert
gleichsam quer zur Gesellschaft, vielen gesellschaftlich zensierten Impulsen meist sexueller und aggressiver Natur im Interesse des Patienten zu größerer Befreiung und produktiver Bewältigung verhelfend, so ist sie heute, von einer starken Institution getragen, zu einem fast unbefragt hingenommenen und hochrespektierten Bestandteil dieser Gesellschaft geworden. Aber mit diesem Wandel der Psychoanalyse selbst, sich in zahlreichen, mehr oder weniger offensichtlichen Phänomenen widerspiegelnd, vollzog sich auch ein Wandel des vorherrschenden sozialen Charakters und der psychoanalytisch relevanten Behandlungsprobleme.
Die Gründe und Auswirkungen dieses sich auf vielen Ebenen vollziehenden Wandels untersucht Allen Wheelis, selbst praktizierender Analytiker, in dem vorliegenden Buch. In unserer schnell-lebigen Zeit wird nach Wheelis die Vergangenheit schneller und schneller antiquiert. Der Charakter vieler unserer Väter, der durch ein starres Überich, Willensstärke, ein verhältnismäßig eindeutiges Wissen um „Gut und Böse“ bestimmt war, wird immer mehr durch jene labile Charakterstruktur verdrängt, die von Riesman als „outer-directed“, als nach außen orientiert, beschrieben wurde. Es ist jener Charaktertyp, dessen Verhalten weniger durch starke Überzeugungen als durch eine feine Sensitivierung für die Erwartungen Anderer bestimmt wird. Und mit diesem Wandel des Charakters selbst ging und geht noch ein Wandel der sozialen Bewertung dieses Charakters einher. Was vor einem halben Jahrhundert etwa als Festigkeit des Charakters hoch bewertet wurde, erscheint heute, im Lichte einer allgemein gesteigerten psychologischen Sensitivität und Differenziertheit, als „entwicklungseinengende Rigidität“. Ein allgemeines Gefühl für „Normalität“ ersetzt zunehmend den Sinn für „moralisches“ Verhalten.