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Dieses Buch war immer eine Krankenbett- und Poliklinikpsychologie für Studenten der Medizin und praktische Ärzte. Diese Orientierung erklärt die Popularität des Buches und viele seiner Vorzüge und Schwächen. Das Bestreben, klar und verständlich zu sein, führt oft zu weitgehender Vereinfachung der Tatbestände und zur Vermeidung des Problematischen. Kretschmer ist ein Eklektiker und hat ein gutes Wort für alle Schulen und Methoden. Er ist ein therapeutischer Aktivist und Positivist. Skepsis wird bei ihm nie zum Laster. Seine Einstellung zur Psychoanalyse ist bejahend insofern, als er die psychischen Mechanismen akzeptiert, aber auf der grundsätzlichen Ebene ist sie negativ, da er das Unbewußte ablehnt. Für ihn, wie für Bumke, existiert nur ein Minderbewußtes im psychischen Dunstkreis. Die Diskussion um das Unbewußte wird in einer Fußnote abgetan. Ein unbewußtes Seelenleben sei ein begrifflicher Widerspruch. Hier macht sich der Autor die Besprechung eines der großen Probleme unserer Zeit wohl zu leicht.
Diese kritischen Bemerkungen sollen dem Werte des Buches keinen Abbruch tun. Es ist glänzend geschrieben und enthält eine Masse von wertvollem Wissen und origineller Ideen. Die neue Auflage berücksichtigt die Studien von Lorenz und Tinbergen, neue Arbeiten zur konstitutionellen Entwicklungsphysiologie und zur Analyse der Psychomotorik. Ein eigenes Kapitel ist den projektiven Testmethoden gewidmet. Zum ersten Male wird die Psychosomatik in einem eigenen Kapitel behandelt. Es ist zu hoffen, daß dieses Kapitel in künftigen Auflagen erweitert werden wird und daß die bedeutsamen experimentellen Arbeiten auf diesem Gebiet Erwähnung finden werden.