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Vor neun Jahren, als hier in Wiesbaden die Psychosomatik ein Hauptthema des Internistenkongresses war, zeigte es sich — für viele überraschend —, daß keiner der Internisten, Psychotherapeuten, Psychiater die Möglichkeit psychischer Einflüsse bei der Entstehung anatomisch faßbarer krankhafter Veränderungen leugnete. Über die Reichweite solcher Zusammenhänge waren allerdings die Redner denkbar verschiedener Meinung: Am einen Ende standen diejenigen, die hier sozusagen alles für möglich hielten, am andern manche, die so viele Einschränkungen ihrer grundsätzlichen Zustimmung machten, daß kaum etwas davon übrig blieb2. Auch heute ist die Lage noch ähnlich, ja, enthusiastische Betrachter haben ihre positive Einstellung so überspitzt, daß die mehr konservativen Kritiker geneigt sind zu sagen: da bleiben wir lieber bei der bewährten anatomischen oder allenfalls chemischen Grundlage der Erscheinungen. Eins ist aber nach wie vor bemerkenswert: gerade dort, wo sich jahrzehntelang die gesamte Krankheitslehre auf die pathologische Anatomie und die hier in überwältigender Fülle zuströmenden neuen Befunde gründete, nämlich in der inneren Medizin, hatte man für die veränderten Fragestellungen großes und wachsendes Verständnis. Die Psychiatrie dagegen neigt auch heute noch dazu, die Bedeutung der anatomischen Befunde, genauer: einer materiell faßbaren Grundlage in den Vordergrund zu stellen (und sich im übrigen auf die freilich hochverdienstliche, immer subtiler werdende phänomenologische Forschung zu beschränken), obgleich auf psychiatrischem Gebiet der anatomische Befund im allgemeinen gerade fehlt.
Aber selbst den (unwahrscheinlichen) Fall angenommen, daß es gelänge, bei allen normalen und krankhaften Abläufen das anatomische Substrat festzustellen —, das eigentliche Zentrum unserer Problematik würde dadurch gar nicht getroffen. Dieses liegt vielmehr darin, daß wir bei der Erfassung seelischer und leibseelischer Zusammenhänge genötigt sind, aus der Bahn der Abläufe, worin immer ei