You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Seinen Büchern „Seelenspiegel des Kindes“ und „Die Frauenseele“ ließ der Autor nun eine „Psychologie des Mannes“ folgen. Es geht ihm in diesem Werk um die Frage nach Eigenart und Selbstverwirklichung des Mannes, welche
ihn streckenweise über das rein Psychologische hinausführt. Das Wesen des Mannes charakterisiert nach Graber das Streben nach Lösung von allen Bindungen, die vom Ich ausgehen (Streben nach Besitz, nach Genuß, nach irgendeiner Überlegenheit usw.). Der dem Manne aufgegebene Weg — geschichtlich wie individuell — führt „von der Eigenart der Ich-Eroberung zur Ich-Überwindung in der Selbstverwirklichung“, welche „Erkenntnis und Freiheit in der Liebe“ bedeutet. Nach der Überzeugung des Autors findet sich in jedem Manne mehr oder weniger bewußt das Verlangen nach diesem Ziel.
Graber verfolgt zunächst den Weg des Mannes in der Geschichte zur Zeit des Matriarchats, im Übergang zum Patriarchat und in der patriarchalen Gesellschaftsstruktur; er kommt dabei zu dem Schluß, daß die von Männern geleitete Menschheit in ein gefährliches Stadium seelischer Erkrankung geraten ist, welches ihre Existenz gefährdet. Ichsüchtige Strebungen nach Macht und Geltung führten zu dieser Entwicklung, und nur in der Zunahme des weiblichen Einflusses, im Gleichgewicht der Geschlechter, sieht Graber die Möglichkeit einer Zukunft.
Im weiteren Verlauf schildert der Autor die individuelle Geschichte des Mannes, d. h. seinen Entwicklungsweg bis zum Erwachsenenalter, wobei er sich der symbolhaften Repräsentanz bestimmter Knotenpunkte dieser Entwicklung in (Reifungs-)Märchen zuwendet.
Die Darstellung der Psyche des erwachsenen Mannes in den Erscheinungsformen des Ich- und Selbstsüchtigen nimmt den breitesten Raum in der Grabersschen Arbeit ein. In ihr werden seelische Eigenarten, wie die des Diktators, des Familientyrannen, Don Juans, Blaubarts, des Homosexuellen, dargestellt. Der Leser wird mit Interesse den analytischen Überlegungen zu „Werthers Leiden“ oder Dostojewskis „Idiot“ und den zah