You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Meine Damen und Herren!
Sie alle kennen die Erfahrung, daß man tage-, ja wochenlang von einer Melodie verfolgt wird. Man summt oder pfeift sie, zuerst kaum bewußt, dann aber wie unter einem Zwang, der einen schließlich etwas elend machen kann. Die Befreiung von solcher Tyrannei gelingt manchmal erst, wenn man die Botschaft in der Melodie erkannt hat.
So ging es mir in den letzten Wochen mit Stellen aus Dvoraks “In der neuen Welt”. Als ich mir endlich zuhörte, war es unschwer zu erkennen, daß ich damit beschäftigt war, mich auf diesen Augenblick vorzubereiten, wo ich vor Ihnen stehen und über Identität und Entwurzelung sprechen würde. Die Symphonie “In der neuen Welt”, diese Mischung von amerikanischen Weiten und europäischen Tälern, sollte wohl die Erinnerung an gewisse Skrupeln und Symptome meiner eigenen Auswanderung übertönen. (Ich habe diese Stadt meiner Studien vor genau 25 Jahren verlassen.) Vor allem aber sollte sie, glaube ich, mich in meiner historischen Stellung als amerikanischer Einwanderer bestärken. Denn bald nach meiner Übersiedlung machte dieser Begriff bekanntlich dem des “refugee”, des Flüchtlings, Platz—wie ja auch ältere amerikanische Begriffe wie “Pionier” und “Siedler” schon fast mythologisch geworden und durch Bezeichnungen wie “migrants” und “itinerants”, also Wandernde, Umherziehende, ersetzt sind.
Die kleine Vorsilbe “ein” kann, wie man im Englischen sagt, “eine Welt von Unterschied” machen. Wie in dem zeitgenössischen israelischen Begriff des “in-gathering”, des Einsammelns der Verstreuten, kann Einwanderung eine Vorstellung offener Mutterarme erwecken, ein Versprechen, daß der freiwillig Kommende neue Wurzeln schlagen werde, genährt vom Auf-nahmebestreben des neuen Landes. So ist auch der Tenor in Dvoraks Symphonie eine souveräne, gegenseitige Freiwilligkeit. Angesichts der harten und komplizierten Realitäten jeder Einwanderung ist diese Hymne aber auch ein historisches Schlummerlied. Und oft sind jene Melodien, die einem so zwanghaft im Ohr