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Der Praktiker auf einem der Gebiete angewandter Psychologie wird froh sein, eine zugleich so grundsätzliche und umfassende Arbeit der theoretischen Psychologie in die Hand zu bekommen, wie sie das vorliegende Buch darstellt. Ahnlich der in den letzten Jahrzehnten entscheidend gewordenen Bedeutung der theoretischen Physik in den Naturwissenschaften ist auch bei immer feiner werdender Differenzierung der menschenkundlichen Thematik die Wichtigkeit einer stets erneuten theoretischen Feldbesinnung immer eindeutiger geworden; empirische Frgebnisse wollen in große Zusammenhänge eingegliedert sein, wenn ihr Gehalt sich auf die Dauer auswirken soll.
Es ist verständlich, daß D. L. Hart den auf den “Kompensationsphänomenen” beruhenden Kompensationsbegriff in der Tiefenpsychologie für zentral hält; drückt er doch die “Beziehung inner-seelischer Kräfte untereinander” aus. Jeder der zehn ausführlich untersuchten klassischen Autoren der Tiefenpsychologie arbeitet auf seine Weise mit dem Kompensationsbegriff, ob er ihn nun direkt gebraucht oder umschreibt. Bemerkenswert ist, daß der Begriff selbst, wie Hart ausführt, bereits aus vortiefen-psychologischer Zeit stammt: aus der Nervenphysiologie G. Antons ; er wurde von Anton schon ganz im späteren Sinne Adlers verwandt, nämlich als Bezeichnung von Ausgleichsbe-strebungen gegenüber Minderwertigkeiten.
In sechs Abschnitten befaßt sich Hart wohlinformiert und differenziert mit Adler, Freud, den als “Nachfolge Freuds” zusammengefaßten Autoren Abraham, Ferenczi, Reik, Stekel, Rank, sodann mit Jung und Maeder, schließlich mit Schultz-Hencke. Sie alle kreisen explicite oder implicite um den Kompensationsbegriff. Harts Darstellung wird zur regelrechten Geistesgeschichte der Psychoanalyse, wertvoll als vergleichende Zusammenfassung der einzelnen “Lehren”. Bei aller Gemeinsamkeit treten die verschiedenen Akzentuierungen der “Klassiker” deutlich hervor: das aktive Angehen gegen organische und psychische Minderwertigkeiten bei Adler; der tragisch