You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Alfred Adler wird vielfach noch immer als ein Schüler Sigmund Freuds betrachtet, von dem er sich später entfernte, andererseits wieder als ein von allem Anfang an unabhängiger Geist, der nur für einige Zeit in seiner Jugend der Psychoanalyse nahe stand. Beide Meinungen haben ihre historische Berechtigung. Ob man nun das Wort Schüler verwenden will oder nicht, - Adler gehörte zehn Jahre lang dem intimen Kreis um Freud an und hat sicher viel von ihm gelcrnt; andererseits war er bereits auf scinem eigenen Weg, bevor er Freud kennen gelernt hatte. Aber die persönlichen Zwiste der Männer und ihrer Schulen sollten heute, da beide als Pioniere der modernen Tiefenpsychologie längst anerkannt sind, endlich aufhören, eine Rolle zu spielen, und wichtig sollte nur noch sein, was sie für die gemeinsame Wissenschaft geleistet haben.
Die entscheidenden Stationen auf dem Forschungsweg Adlers können bei diesem Leserkreis vorausgesetzt werden: Organminderwertigkeit, Kompensation und Überkompensation von Minderwertigkeitsgefühlen, Minderwertigkeitsgefühl und -komplex, Lebensstil des Individuums, die Geschwisterreihe, männlicher Prorest, Gemeinschaftsgefühl. Weniger bekannt jedoch, auch in Fachkrrisen, wovon uns ein Blick in viele Lehrbücher überzeugen kann, ist, wodurch sich Adlers Lehre grundlegend von der ursprünglich psychoanalytischen unterscheidet. Zunächst ist die Individualpsychologie eine “subjektive” Psychologie im Gegensatz zur “objektiven” Psychoanalyse. “Objektiv” bezieht sich nach der Definition Karl Jaspers' auf die Psyche, “wenn man sie von außen betrachtet, also vom Standpunkt des Beobachters, ‘subjektiv’ bezieht sich auf die Psyche von innen erlebt, also direkt auf die erlebende Person” (1). Die “Objektivität” verbindet Freud mit der extremen Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts, von der er kam und der er lebenslang treu geblieben ist, die “Subjektivität” schlägt eine Brücke von Adler zur Gestaltpsychologie, zur Feldtheorie Kurt Lewins und zu den heutigen Existential