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Heute hat sich die Ansicht durchgesetzt, daß sich im ersten Lebensjahr des Menschen Wesentliches ereignet, daß bereits mit dem Beginn des Lebens die emotionelle Entwicklung einsetzt und daß es daher nicht angeht, in einer Untersuchung über das Werden der Persönlichkeit und über die Charakterbildung die Ereignisse der ersten Stunden und Tage (bei übertragenen Kindern sogar der letzten Monate vor der Geburt) außer acht zu lassen. Selbst das Erlebnis des Geborenwerdens kann von Bedeutung sein.
Unserer Unwissenheit zum Trotz ist der Mensch als Lebewesen auf der Erde nicht ausgestorben, einfach deshalb, weil es etwas Besonderes mit der Mutter eines kleinen Kindes auf sich hat. Etwas, das sie ausdrücklich dazu befähigt, ihr Kind in diesem Stadium der Verletzlichkeit zu behüten und seinen Bedürfnissen fördernd entgegenzukommen. Die Mutter ist dieser Aufgabe in dem Maße gewachsen, als sie sich sicher und vom Vater ihres Kindes geliebt fühlt und sich in ihrer Familie und ihrem Gesellschaftskreis aufgehoben und angenommen weiß.
Es steht uns frei, die Aufgabe der Kindererziehung auch weiterhin ganz den Müttern zu überlassen. Sie sind dazu im Stande nicht auf Grund eines Wissens, sondern auf Grund der gefühlsmäßigen Einstellung, welche sie im Laufe der Schwangerschaft gewonnen haben und mit dem Heranwachsen des Kindes langsam wieder einbüßen.
Weshalb wir dennoch aus den Untersuchungen über die ersten Entwicklungsstadien der kindlichen Persönlichkeit Nutzen ziehen sollten, hat folgende Gründe: Erstens können wir als Ärzte und Pflegerinnen in die Lage kommen, uns in die Beziehung zwischen Mutter und Kind einschalten zu müssen, um körperliche Störungen des Kindes zu behandeln. Dann aber sollte uns klar sein, in was wir uns einmischen.
Zweitens besteht die Möglichkeit, daß unser Interesse für die emotionelle Entwicklung des Kindes noch lohnender sein könnte als die in den letzten 50 Jahren durchgeführte Untersuchung über sein körperliches Wachstum.