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In der Studie unternimmt der Verfasser den „Versuch eines Brückenschlags vom
chirurgischen Alltag unseres Heute zurück zum Einst der Vorfahren“. Dabei gelangt er dahin, daß im Hinblick auf das Schmerzerleben „unsere näheren, fernen und fernsten Voreltern auf eine Ebene mit leukotomierten Menschen der Gegenwart zu setzen sind“, oder umgekehrt: „Die neuzeitliche Schmerzchirurgie in der besonderen Form der präfrontalen Leukotomie gleicht hinsichtlich der Schmerzfähigkeit auf seelisch-affektivem Gebiet der Wirkung eines künstlichen Mittelalters am Einzelmenschen von heute.“
Zu dieser kühnen Schlußfolgerung führt der Verfasser den Leser schrittweise, indem er einerseits auf neuro-physiologisehe, hirnanatomische und neurochirurgische Tatsachen eingeht, andererseits haben Medizingeschichte und Kunstgeschichte eine Hauptlast der Beweisführung zu tragen. Es wird die Auffassung vertreten, der heutige Mensch sei nicht mehr in der Lage, Schmerzen in der gleichen, gelassenen Weise zu ertragen, wie dies z. B. noch im 19. Jahrhundert der Fall gewesen sei. Wenn Larrey, der Hauptchirurg Napoleons, nach der Schlacht von Borodino an einem chirurgischen Arbeitstag 200 Gliedabsetzungen ohne Narkose vornehmen konnte und ein zeitgenössisches Gemälde einen verwundeten Musketier auf einer Trommel sitzend zeigt, der mit der einen Hand seinen Degen festhält, während der andere Arm gerade an der Schulter herausgelöst wird, so gewinnt man den Eindruck eines gegenüber heute entscheidend anderen Schmerzerlebens. Der zivilisierten Menschheit des mittelalterlichen Europas sei es auch nur deshalb möglich gewesen, über Jahrhunderte hinweg ohne übermächtiges Aufbegehren Folterungen als rechtmäßigen Strafvollzug zu ertragen, weil das menschliche Schmerzerlebnis sehr viel flacher als heute gewesen sein müßte. Dementsprechend könnten Gesichter auf Bildwerken des Mittelalters zwar menschliches Leid eindringlich widerspiegeln, niemals entdecke man aber eine „facies dolorosa“, wie sie neuerdings von Kilian