You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
“Die Psychiatrie ist eine offene Wissenschaft …, berufen nicht zur Registratorin oder Richterin, aber dazu, das in seinem Sinn Unfaßbare zu deuten, das Echte vom Unechten zu scheiden, Freiheit und Naturnotwendigkeit in den Erscheinungen zu erkennen und vor allem diese Erscheinungen zu verstehen.” So formuliert Wyrsch im Nachwort das Leitbild, von dem er sich führen ließ.
Um nicht nur von Ärzten, sondern auch von interessierten Nichtmedizinern verstanden zu werden, definiert der Autor, was er mit “psychische Störung” zusammenfaßt (organische Demenz, Oligophrenie, psychopathische Persönlichkeiten, endogene Psychosen, Neurosen), und wie er diese Untergruppen voneinander abgrenzt. Dann werden die ersten Probleme (Einfluß der Gesellschaft auf Zahl oder Form der psychischen Störungen; das Verhältnis der verschiedenen Gruppen psychischer Gestörtheit zu “Sprechen und Sprache”, zu “Vers und Bild” und damit zum objektiven Geist, zur Kultur) an Hand einer Fülle von plastischen klinischen Beispielen aus der reichen Erfahrung des Autors erörtert und geklärt. Hernach geht Wyrsch (unter den Überschriften “Genie und Irrsinn”, “Kriminalität und Geistesstörung”, “Führung in Staat und geistige Störung”, “Das Religiöse und die Psychopathologie”) einigen Berührungsflächen und Überschneidungen im Bereich der Grenzgebiete von Psychopathologie und Gesellschaftslehre nach, wobei der Autor aus lebenslanger psychiatrischer Erfahrung und mit gründlicher Kenntnis der angeführten Belege vorsichtig abwägend zu feinen differentialdiagnostischen Kriterien vorstößt.
Wer allerdings eine Darstellung auch jüngerer Daten und Denkmodelle über Gesellschaft, Kultur und psychische Störung erwartet, wird in diesen Punkten enttäuscht: Psychopathische Persönlichkeiten werden noch weitgehend statisch konzipiert; bei der Abgrenzung der Neurosen, bzw. der abnormen Personlichkeitsreaktionen