You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Von den ersten Anfängen an ist es das Los der Psychoanalyse gewesen, gut eingeführte, nahezu unumstößliche Begriffe und Vorstellungen ernsthaft in Frage zu stellen. Den Anfang machte Freud mit seiner These der Unbeständigkeit der sexuellen Ziele und Objekte. Gewiß, er faßte damit lediglich wohlbekannte Merkmale der Perversion zusammen, aber darin liegt das Wesen des Genies, daß es einen durchaus vertrauten Ausschnitt der Realität unter einer neuen Perspektive betrachtet.
Nachdem so die Vorstellung von der Beständigkeit eines sexuellen Objekts unterminiert war, schien es selbstverständlich, das Problem der Homosexualität — als einer auffallenden Variation der Objektwahl — unter diesem neuen Gesichtspunkt zu betrachten. Freud führte den Begriff des narzißtischen Objekts ein, und dieser erwies sich als hilfreich für das Verständnis der Homosexualität. Welche andere Funktion auch immer das sexuelle Objekt für den Homosexuellen haben mochte, sicherlich diente es ihm zugleich zur Darstellung seines Selbstbildes.
Während meiner klinischen Praxis faszinierte mich schon früh die Variation der Objektwahl. Meine Beobachtungen an Psychotikern und latenten Psychotikern wurden durch ein intensives Studium von Homosexuellen ergänzt, von denen ich einige über lange Zeit beobachten und behandeln konnte.
Im Laufe der Jahre wurde mir klar, daß das Problem der Objektwahl und der Objektbeziehungen die Grundlage für das Verständnis der Homosexualität bildet. Es war nur logisch anzunehmen — und die klinische Erfahrung hat dies bestätigt — daß das Problem in Beziehung zu einer weiteren, relevanten Frage steht, der man in der Literatur keine große Beachtung geschenkt hat, nämlich der Gesamtpersönlichkeit oder dem Ich des Homosexuellen.
Es ist gewiß kein Zufall, daß einige tiefe verwandte Züge zwischen Homosexualität und der ganzen Gruppe der Schizophrenie bestehen. Verwandte Züge, die meiner Ansicht nach generell auf ihrer analogen psychischen Struktur beruhen und im einzelnen in vielen infanti