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Psychotherapie, schreibt Bräutigam, ist eine Behandlung, in der sich Arzt und Patient in mitmenschlicher Offenheit füreinander der inneren Lebenssituation des Patienten stellen, um Einsicht in diese Situation zu gewinnen.
Eine bessere Definition kann ich mir schwer denken. Und doch ist sie vieldeutig: denn was etwa Einsicht und mitmenschliche Offenheit bedeuten, kann, wenn überhaupt, erst die psychotherapeutische Erfahrung selbst lehren. Jede Erhellung der Psychotherapie stellt uns unmittelbar vor die Schwierigkeit, persönliches Erleben und überliefertes Wissen miteinander integrieren zu müssen. In diesem Sinne läßt sich der Psychotherapeut einem Dichter vergleichen. Auch dieser muß das persönliche Erlebnis in einer bereits gewordenen Sprache mitteilen. Und je schöpferischer er selbst ist, um so mehr wird er den Konflikt spüren, die gewordene Sprache zugleich sprengen und anerkennen zu müssen.
Psychotherapie muß, um wirksam zu werden, etwas in zwei Menschen auslösen, das sich einer leichten Beschreibung notwendigerweise entzieht. “Begegnung”, “mitmenschliche Teilnahme”, “persönliche Verstrickung”, “Ich-Du-Beziehung” haben sich als Begriffe für diesen schwer beschreibbaren Vorgang eingebürgert. Aber Psychotherapie vollzieht sich zugleich im Rahmen einer gegebenen menschlichen Lebensordnung. Sie ist in diesem Sinne überpersönlich bestimmt. In dieser Lebensordnung hat sich unter anderem die Rolle von Arzt und Patient auskristallisiert. Wiederum ist es ein paradoxer Aspekt der Psychotherapie, daß sie von dieser Lebensordnung getragen wird (indem diese etwa eine bestimmte Distanz und Diskretion zwischen den beiden Partnern verbürgt) und daß sie nicht selten zugleich Elemente dieser Lebensordnung in Frage stellt (indem sie etwa indirekt herrschende Grundsätze der Erziehung und Sexualmoral angreift).
Weiter: Wir können nicht eindeutig festlegen, was geistige Gesundheit sei. Begriffe wie etwa “erfolgreiche Konfliktoder Lebensbewältigung, Selbstverwirklichung, relative Autonomi