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Freuds Ansichten über die Religion können nur im Zusammenhang mit seinem übrigen Werk und dessen Bedeutung für die Menschheitsgeschichte verstanden werden. So wie der Zusammenbruch der mittelalterlichen Welt den Westen für eine neue Schau des Weltalls vorbereitet hatte, noch ehe Copernicus mit dem Gedanken spielte, daß nicht die Sonne, sondern die Erde sich drehe, so traf auch die Freudsche Revolution, nämlich die erstmalige, folgenreiche Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode auf die Erforschung der menschlichen Seele, auf vorbereiteten Boden.
Der unmittelbare Anlaß kam von der Medizin und entsprang einem Notstand. Es war kein Zufall, daß die Sprechzimmer der Ärzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Neurotikern überlaufen waren. Viele kamen, weil sie fühlten, daß durch den Verfall der alten Religionen die geistigen Probleme, die bis dahin zum Aufgabenbereich der Kirche gehört hatten, nun in die säkulare Sphäre der medizinischen Wissenschaft geraten waren.
Auf die klassisch-mathematische Revolution des 17. Jahrhunderts folgte das Zeitalter der Vernunft. Das neunzehnte Jahrhundert war vom Kampf zwischen Aufklärung und Kirche beherrscht, und einer der Brennpunkte dieses Kampfes auf geistigem Gebiet war die Behauptung von Darwin und Wallace, daß der Mensch sich durch natürliche Zuchtwahl aus anderen Species entwickelt habe, also nicht durch einen besonderen Schöpfungsakt geschaffen wurde. Freud war keineswegs der erste, der empirische, naturwissenschaftliche Methoden auf die Erforschung der menschlichen Seele anwandte, genauso wie Copernicus nicht der erste Astronom war. Galton, Charcot, Bernheim waren ihm darin vorausgegangen, besonders aber Breuer, der hervorragende Wiener Arzt und Physiologe, dessen Behandlung einer Patientin mittels Aussprachen der unmittelbare Anlaß zu Freuds Entdeckung der psychoanalytischen Methode war und zu den ersten, von Breuer und Freud gemeinsam formulierten psychoanalytischen Theorien führte. Aber das ganze Gebäude der dy