You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Es ist ein merkwürdiges Phänomen: je mehr Nietzsche als Philosoph aus politischen Gründen tabu ist, um so mehr scheint man bemüht, auf philologischem Wege gleichsam nachträglich die Grundlosigkeit der Bedeutung aufzuzeigen, die er unversehens in der bzw. für die Politik gewonnen hat. Diese Bemühungen sollen — so sieht es jedenfalls im Ergebnis aus — den Denker zwar von einer letzten Verantwortung für die deutsche Vergangenheit freisprechen; jedoch muß er solchen, gleichermaßen auf die offensichtliche Übersteigerung wie auf die neu entdeckte Unfertigkeit der Arbeiten seiner letzten Phase gestützten partiellen Freispruch damit bezahlen, daß man ihm zugleich das Mitspracherecht hinsichtlich der Probleme der Gegenwart verwehrt. Einer Gegenwart, deren Bewältigung man weithin nur durch eine christliche Politik im allgemeinsten Sinne glaubt leisten zu können, weshalb man aber gleichzeitig sich eine philosophische Erörterung der Problematik des Christentums nicht mehr glaubt leisten zu dürfen. Allenfalls wird darauf verwiesen, daß doch auch Nietzsche selber schließlich am “Tode Gottes” zerbrochen sei, wobei man verschweigt, daß er dieses “Ereignis” nicht zuletzt in der ahnungslosen Konstituierung des deutschen Kaiserreiches auf so etwas wie ein politisches Christentum bestätigt fand; oder man verschweigt, daß die als notwendig empfundene Durchsetzung des letzteren im Prinzip bereits eine jenseits von Gut und Böse konstituierte Welt voraussetzt, — wenn man allen Ernstes diskutiert, ob bzw. wie weit man sich angesichts der generellen Bedrohung überhaupt noch den “Luxus” moralischer oder gar christlicher Prinzipien gestatten dürfe. Da zur gleichen Zeit die Auseinandersetzung mit Kierkegaard in ein analoges Stadium getreten ist, indem immer neue Übersetzungen die Radikalität dieses Antipoden Nietzsches — von dem der moderne christliche Wille zur Macht kaum weniger betroffen wird als von jenem — zu verdecken drohen, muß sich der Verdacht einer allgemeinen Verdrängung — geradezu