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Kurz nach dem Krieg konsultierte mich ein junger Mann wegen psychoanalytischer Behandlung. Bevor er sich mir anvertraute, wollte er wissen, ob ich Jude sei. Ich erwiderte, daß ich ihm das gern mitteilen würde, aber doch zuerst erfahren möchte, warum ihm soviel daran liege, es gleich zu wissen. Er antwortete, daß er Juden und Frauen hasse, und falls ich einer wäre, könne er nicht mit mir arbeiten. Ich erklärte ihm: “Ja, ich bin ein Jude.” Und wenn das ein solches Problem für ihn sei, müsse es wohl im Laufe seiner Behandlung zum Verständnis gebracht werden. Das leuchtete ihm ein; aber anscheinend war die Beibehaltung seines Vorurteils für ihn doch wichtiger als die Heilung seiner Beschwerden, denn-er kam nicht mehr wieder.
Obgleich der Analytiker kaum je Patienten hat, die wegen ihrer Vorurteile Behandlung suchen, hat er doch viel Gelegenheit, Einsicht in die Entstehung und Entwicklung des Vorurteiles zu gewinnen. Wir haben in der Analyse gelernt, daß das Vorurteil gegen einen Mitmenschen sich aus zwei Abwehrschritten ergibt: Der erste ist die Verdrängung, d.h. die Zurückweisung von Gedanken, Gefühlen oder Wünschen aus dem Bewußtsein, weil sie mit Angst verknüpft sind, und der zweite ist die Projektion solcher Gedanken und Wünsche auf andere Menschen. Die anderen werden so zu Trägern des Unerwünschten. Je jünger nun der Mensch ist, um so mehr ist ein solches Projizieren die Regel. In der frühesten Lebensperiode des Menschen nehmen wir eine funktionelle Mutter-Kind-Einheit an, in der die Mutter viele der Impulse des Säuglings für ihn ausführt. Das ist die symbiotische Phase. Wir nehmen auch an, daß der frühkindliche psychische Apparat in jener Zeit alles, was von ihm als störend empfunden wird, der Mutter zuschreibt. Bis zu einem gewissen Grad kann dies jeder bei seinen eigenen schon sprechenden jungen Kindern beobachten. Ebenso kann man feststellen, daß ein etwas älteres Kind, wenn es Angst hat, leicht auf solche Denkmethoden zurückfällt, d. h. regrediert.