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Die jüngste Vergangenheit hat uns in unvergleichlicher Kraßheit die Lehre erteilt, daß die These vom zivilisierten Spätabendländer auf einem Überbau beruht, der nur zu leicht von archaischen Kräften weggefegt wird. Diese scheinen nur auf den Befehl zu warten, der sie enthemmt und freisetzt. Der Mensch, der sich selbstschmeichlerisch Fortschritt, Kultur, Moral und Nächstenliebe weismacht, kann schlagartig massenhaft zum Totschläger und kalten Mörder werden. Ein Urgebot, nicht zu töten, lernen und setzen wir noch heute. Seine Wirkungskraft ist wenig dauerhaft. Vernunftgründe dienen bald zur Beherrschung und Einschränkung zerstörerischer Grundkräfte, bald zur Rechtfertigung ihrer Durchbrüche. Unsere Kulturdeiche bieten offensichtlich keine Schutzgarantie gegenüber Ausbrüchen aus der Tiefe menschlicher Natur. In dieser werden wir von Bejahung wie Verneinung hin- und hergerissen. Und an dieser radikalen Nichtgleichung des Menschen wird erzieherisch angesetzt. Sie wird zweckentsprechend ausgenutzt und gesellschaftspolitisch kanalisiert. Auch Erziehung zum Antisemitismus setzt an entsprechender Hinlenkung destruktiv-aggressiver Grundkräfte an. Prophylaktisch sind also alle Maßnahmen sorgfältig zu kontrollieren, die den Umgang mit aggressiven Elementarregungen betreffen.
Wirksame Erziehung und Umerziehung sind dynamische Eingriffe in dynamische seelische Prozesse. Mit dem Begriff “Vorurteil” rationalisieren wir einen seelischen Komplex. In diesem liegt seelische Energie gebunden, die wir in Fluß bringen und aufgreifen müssen, wenn wir das Vorurteil auflösen wollen. Von Geschichtsdaten und Bildungswissen als solchen Prophylaxe von Antisemitismus zu erwarten, beruht auf rationalistischer Oberflächenpsychologie. So wurde unlängst einem Studenten, der sich an neonationalistischer Sonnenwendfeier und Hakenkreuzaggression beteiligt hatte, zur Umerziehung ein zweisemestriges Hören von Geschichtsvorlesungen auferlegt. Welche Verkennung der menschlichen Natur!
Kausalgenese und Motiva