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Nach der herrschenden Lehre, wie sie sich in den letzten zehn Jahren herausgebildet hat, ist der Antisemitismus als Vorurteil nach Art der Vorurteilsforschung zu untersuchen. Als Vor-Urteil gilt im allgemeinen ein tradiertes und akzeptiertes Vorstellungsbild, unter dessen Vorauslese der Mensch dann seine soziale Umwelt so erfaßt, daß die vorgefaßte Meinung als self-fulfilling prophecy sich darin widerspiegelt. Dergleichen Vormeinungen sind an sich korrigierbar. Eine intellektuelle Aufklärung hat hier gewisse Aussichten, vor allem dann, wenn sie mit einer Abwertung solcher Vorurteile durch die öffentliche Meinung zusammengeht und es nicht mehr zu den tradierten “unfraglichen” Richtigkeiten (vielmehr zu den erklärten Irrtümern) gehört, ihnen anzuhängen. Noch größer ist die Chance einer erzieherischen bzw. bildenden Aufklärung auf dem Wege über die Tatsachenvermittlung bei jenen rein verbal, im Bereich unverbindlichen Nachredens, übernommenen Meinungen, denen keine weitere vorurteilsgesteuerte, vorauslesende “Erfahrungsbestätigung” gefolgt ist. Diese fehlt beispielsweise dort, wo die nachgesprochene Behauptung ihren Vertretern viel zu uninteressant war, um sich über sie, sei es auch in einseitiger Form, zu “vergewissern”. Wie groß die Anzahl jener Menschen ist, die ihre Vorurteile derartig beliebig wechseln und ablegen bzw. Korrekturen ebenso unverbindlich annehmen können (ohne mehr als ein Mitmadien in sprachlichen Konventionen dabei zu erleben), das wissen wir nicht. Jedenfalls ist der Personenkreis, für den alle Meinungen, die nicht mit eigenen aktuellen Lebensinteressen verbunden sind, völlig leer und frei verschiebbar bleiben, sehr viel größer als sich jene ganz andere Mentalität unter uns, für welche eine Meinung eine geistige Selbstbekundung darstellt, vorstellen kann.
Es muß also vorweg betont werden, daß die erzieherischen Bemühungen, den Antisemitismus aus dem Vorstellungsbereich, aus dem Bereich gängiger Meinungsbildung und aus dem Mechanismus vorauslesender