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Im deutschsprachigen Schrifttum hat sich niemand so intensiv wie Braun mit jenem weitgehend unerforschten Gebiet befaßt, das man als Wissenschaft von der Allgemeinpraxis bezeichnen kann. Während die amerikanische Soziologie, freilich bisher in völlig unzureichender Weise, die Allgemeinpraxis als soziales Verhaltenssystem auffaßt und Balint mit seiner Gruppe die tieferen Motivationen des Verhaltens von Arzt und Patient im Rahmen der Praxis zu erforschen trachtet, ist es in erster Linie Brauns Anliegen, den Fragenkomplex „Diagnose in der Praxis“ und die Häufigkeiten der einzelnen vorkommenden Krankheitsbilder abzuklären. Der Ausgangspunkt ist, daß die diagnostischen Möglichkeiten der Klinik grundsätzlich andere sind als jene der Allgemeinpraxis. Der Praktiker hat sich vor klinischen Pseudodiagnosen zu hüten; seine Aufgabe ist es, zu praktisch verwendbaren Klassifizierungen zu kommen. Nur selten kann der Praktiker eine exakte Diagnose stellen, meist hat er sich mit einer Klassifizierung als Symptom oder als „Bild von …“ zu begnügen. Wie kritisch dieses Verfahren anzuwenden ist, zeigt Braun auf jeder Seite seiner beiden Bücher. Dies kommt vor allem zum Ausdruck in der Diskussion des Begriffes der „abwendbar gefährlichen Verläufe“. Nach Brauns Ansicht hat der Praktiker zunächst immer die Pflicht, solche abwendbar gefährlichen Verläufe zu exkludieren, bevor er sich mit einer andersartigen Klassifizierung begnügt. Diese Überlegungen zur Diagnose stehen im Mittelpunkt von Brauns Büchern, die aber weit mehr beabsichtigen: die Allgemeinpraxis aus dem Dahinvegetieren am Rande der Wissenschaft zu befreien und eine eigene Wissenschaft von der Praxis zu konstituieren. Der Ausgangspunkt ist, daß die klinische Medizin jene Fälle, die man besonders häufig in der Praxis sieht, in der Ausbildung der Studenten und der jungen Ärzte überhaupt nicht oder nur gänzlich unzureichend berücksichtigt. Auf dem Wege zu seinem Ziel hat Braun blendende Einfälle und Einsichten, von denen viele weit