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„Der Jacobson (Niels Lyhne) hat mir tiefer ins Herz geschnitten als irgendeine Lektüre der letzten neun Jahre. Die letzten Kapitel anerkenne ich als klassisch“ — so Freud 1895 in einem Brief an den Freund W, Fließ1. Daß die Formulierung: „tiefer ins Herz geschnitten…“ eine bloße façon de parler wäre, haben wir bei Freud nicht zu gewärtigen, weshalb es nahe liegt, das Buch des dänischen Autors ausführlich zu erörtern. In der Tat führt es tiefer in die Lebenswelt Freuds, als zu erwarten war, wenn wir nur keine zu engen zeitlichen Fixierungen anerkennen, uns ohne Scheu auf die Kontinuität der Ideen Freuds stützen und das Lese-Erlebnis des dreißigjährigen Arztes mit den Ansichten eines alten, großen Mannes verknüpfen, der, wie er sich's als junger Mann gewünscht hatte, in London fast in unseren Tagen starb — fast in unseren Tagen nämlich, gemessen am zeitlichen Abstand zum Jahr der Begegnung mit Jacobsens Werk.
Niels Lyhne, von dem Stefan Zweig schrieb, er sei der „Werther unserer Generation“ gewesen2, freilich „ein Werther des Unglaubens“ (Rehm3), erschien 1880, im gleichen Jahre wie Friedrich Nietzsches „Antichrist“. Sein Autor, , hatte ursprünglich Botanik studiert, war dezidierter Anhänger Darwins, dessen Schriften er teilweise ins Dänische übersetzte, und schloß sich eng an G. Brandes und den von Brandes empfohlenen Naturalismus an. Diesen verband er mit einem träumerisch-okkulten Hang zur Nachromantik und zu impressionistischer Ästhetik: „Er hat einen japanischen Pinsel gehabt und die zartesten Farben für… vibrierende Stimmungen“, dichterische Begabung für „das Transparente von Wachträumen“ (Zweig4). Sein Einfluß auf Rainer Maria Rilke ist bekannt; Rilkes „Malte Laurids Brigge“ ohne Niels Lyhne ist kaum denkbar5. Daß Hofmannsthal vom „neuropathischen Idealismus von Jacobsen“, wie er's ausdrückte, beeindruckt wurde, wundert nicht. Auch ein ganz anders gearteter Mann wie Arno Holz hat den dänischen Dichter seinem Freunde warm empfohfo