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Dem Leser, dem perfekte Fragen lieber sind als perfekte Lösungen, weil er, neugierig und sachkundig, sich gern seine eigenen Gedanken macht — dem Leser, der sich zu besserem Selbstverständnis auffordern läßt, wenn der Autor nur sich selbst auch abplagt, kurz: dem erwachsenen Leser sei das hier zu referierende Buch dringend empfohlen. Es bewahrt noch im Druck die elektrisierende Spannung des Seminargesprächs, aus dem es hervorgegangen ist (S. 7). Es ist gut, auch wenn man sich mit ihm nicht recht zufrieden geben kann, weil eben seine Relevanz so ganz unabhängig davon bleibt, ob allen Folgerungen des Autors immer zuzustimmen ist oder nicht.
Als eine Sammlung von Aperçus zur Theorie der Psychoanalyse und ihrer Praxis ist die Arbeit brillant geschrieben; ihr Ernst, das, was dem Autor wie dem Leser gleichermaßen auf den Nägeln brennt, fließt ihr aus der politischen Intention des Autors zu. Soviel steht ja fest, daß es nicht Aufgabe des Analytikers sein kann, seinen Analysanden den herrschenden Anschauungen anzupassen und auf die spärlichen offiziellen Lustprämien der Gesellschaft oder ihrer Interessenverbände vorzubereiten. Er hat viel eher in Regionen jenseits des Konformismus, gleichsam in die „Rarität“ im Sinne Mitscherlichs, vorzustoßen (S. 51). Das Selbstverständnis der Psychoanalyse bedarf deshalb dringend einer Thematisierung des Verhältnisses von gesellschaftlicher und psychoanalytischer Kritik individueller Motivationen (S. 8), d. h. der dialektische, revolutionäre Kern der Psychoanalyse (S. 33), einmal entfaltet, fordert Neuorientierungsleistungen über die Funktion des Psychotherapeuten in der Sozietät und über den Sinn des Begriffs „Leid“ und „Heilung“. Wer allerdings — vom Problem des Verhältnisses der Einzelnen zur Gesellschaft betroffen — die Heilung der „sozialen Neurose“ durch Behandlung des Individuums anstrebt, hält am Ende neurotische Seelenzustände für die Ursachen sozialer Mißstände und vergißt, daß sie Folgen sind; die einseitige Reduktion des Sozial