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Die Begriffe „Ich-Ideal“ und „Über-Ich“ wurden ursprünglich von Freud im gleichen Sinne gebraucht. Das läßt sich historisch erklären. Aus seinen Studien der Psychopathologie, vor allem der Melancholie schloß Freud, daß ein Teil des Ichs (eine Instanz innerhalb des Ichs) gegen das Ich im engeren Sinne opponieren, Forderungen an es stellen und es bestrafen könne, wie es früher die Eltern getan hatten. Das bedeutet, daß durch den Prozeß der Identifizierung sich das Über-Ich als eine Substruktur des Ichs bildet. Entwicklungsmäßig betrachtet, findet dieser Vorgang am Ende der phallischen Phase (zu Beginn der Latenz) statt; er ist das Ergebnis der Auflösung der ödipalen Objektbeziehungen. In der Formulierung Freuds ist das Über-Ich Erbe des Ödipuskomplexes; es umfaßt sowohl den Wunsch des Kindes, so wie die Eltern zu sein (die Idealbildung), als auch den Wunsch, den Verboten und Forderungen der Eltern zu gehorchen (das Über-Ich im engeren Sinne). Diese Theorie deckte und erklärte eine Vielfalt pathologischer Erscheinungen beim einzelnen Menschen (Freud 1914, 1917, 1923, 1924a, 1924b, 1925, 1931) wie auch bei der Menschheit (Freud 1921, 1927b, 1930, 1939). Darüber hinaus konnte sie auch normale seelische Vorgänge erklären, z. B. den Humor (1927a).
Trotz des Gewinns an Einsicht blieb eine Anzahl von Problemen und Unklarheiten bestehen, die nach Freud weiterer Erforschung und Erklärung bedurften. In neuerer Zeit sind auch verschiedene Beiträge zu Über-Ich-Problemen veröffentlicht worden; eine eingehende Übersicht über die Literatur in dieser Hinsicht findet sich bei Sandler (1960). Vom strukturellen Gesichtspunkt her gesehen müssen wir, glaube ich, an Freuds Vorstellung vom Über-Ich als einer besonderen Substruktur im Seelenleben, die sich zu Beginn der Latenzzeit herausbildet, festhalten. Wie aber sollen wir die mit diesem Begriff zusammenhängenden Schwierigkeiten und Unklarheiten erklären, von denen viele Autoren sprechen? Die seelische Strukturbildung ist ein Reifungs- und