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Die Angst als Problem taucht im Geistesleben des Abendlandes nur sporadisch auf. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts befaßt sich die Menschheit in zunehmendem Maße mit der Angst. Dies ist insofern ein Kuriosum, als ja erlebte Angst niemals unbewußt ist und auch früher nicht gewesen sein kann. So schrieb Kierkegaard 1844: „Den Begriff Angst sieht man fast niemals in der Psychologie behandelt, ich muß deshalb darauf aufmerksam machen, daß er gänzlich verschieden ist von der Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen, während die Angst die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit ist.“ Er fährt dann, mit jener uns allen nicht unbekannten Überheblichkeit des homo sapiens fort: „Man wird deshalb beim Tier keine Angst finden, gerade weil dies in seiner Natürlichkeit nicht bestimmt ist als Geist.“ Das ist aber ein Fehlschluß, denn die Angst ist älter als die Menschheit und vermutlich allen Kreaturen eigen. Besonders deutlich läßt sich das bei Sonnenfinsternis und vor tellürgischen Katastrophen beobachten, wo Angst bei Tieren dem Ereignis vorauszugehen pflegt.
In dem 1846 erschienenen Buch von Carl Gustav Carus „Psychologie des Unbewußten“ sucht man vergebens nach einer Erwähnung der Angst. Er übersah sie, weil sie im blinden Fleck seines psychischen Sehfeldes lag. Als eine Laune des Schicksals mag es erscheinen, daß sein Namensvetter Titus Lucretius Carus fast 2000 Jahre zuvor die Liebesangst und Todesangst im 3. und 4. Buche von „De Natura Rerum“ ausführlich und eindringlich beschrieben hat.
Warum bildete die Angst während einer so langen Zeitspanne eine Lücke im kollektiven Bewußtsein? Es kann sich nicht um Verdrängung handeln, weil gerade Angst nicht verdrängt werden kann. Sie will erlebt, oder anders als durch Erleben bewältigt werden. Nun gibt es Zeitläufe geglückter Angstbewältigung, in denen die Menschheit von keinem Angstproblem beunruhigt wird. Aber es gibt auch Epochen der Angst. Ich kann dem nicht beipflichten, was Ludw