You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Erst als wir jungen Lehreranwärter anno 1910 vom Unterseminar in Hofwil in die Oberabteilung nach Bern versetzt wurden, hörten wir etwas davon, daß es eine neue wissenschaftliche Richtung in der Psychologie gebe, die sich ‚Psychoanalyse‘ nenne und deren Schöpfer ein Wiener Professor mit Namen Sigmund Freud sei.
Es waren nicht etwa die Zeitungen, die uns mit der Psychoanalyse bekannt machten. Kameraden aus der letzten Seminarklasse erzählten uns in aufregender Art davon. Im Psychologie-Unterricht hatte ihnen der damalige Seminardirektor Dr. Ernst Schneider seltsame Dinge berichtet: über Heilungen von Gelähmten, von Leuten mit Platz- und Brückenangst, von Hysterikern und Zwangsneurotikern — auch, daß unsere Träume einen verborgenen, hintergründigen Sinn hätten und sich deuten ließen, ebenso unsere Fehlhandlungen.
Wir waren begierig, solche Geschichten direkt aus dem Munde Schneiders zu vernehmen. Dies geschah denn später auch, und unter anderem teilte er uns mit, es sei einem Zürcher Pfarrer, Dr. Oskar Pfister — der heute 90 Jahre alt würde —, gelungen, sogar Halbwüchsige, nämlich seine eigenen Unterweisungsschüler, von allerhand Störungen und Hemmungen mit psychoanalytischen Praktiken zu befreien: Lerngestörte, Stotterer, Schlafgestörte, Geizkragen, Verschwender, Bettnässer, Leute mit Aufsatz-Kopfweh und Vortrags-Durchfall und einer Menge ähnlicher anomaler oder krankhafter Erscheinungen.
Es kam aber auch an den Tag, daß der genannte Zürcher Pfarrer, ebenso der Wiener Schöpfer der Psychoanalyse, viel Anfechtung erfuhren. Es waren insbesondere zwei Tatbestände, die den heftigen Widerspruch des damaligen Zeitgeistes und seiner Führer erweckten: die Behauptung, daß der Mensch schon von seiner Geburt an eine Sexualität besitze, und die weitere Behauptung, die Gefühlsverhältnisse und -verknüpfungen, die die Freudianer mit dem Begriff „Ödipuskomplex“ zusammenfaßten, hätten allgemeine Gültigkeit und zeigten sich nicht allein nur bei den Neurotikern. Schon las man mitunter in d