You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Dieser Vortrag wurde mit einer bestimmten Absicht entworfen. Er soll die Psychologie des heranwachsenden Mädchens und das klinische Bild des weiblichen Delinquenten nahebringen. Als Ergebnis einer solchen Untersuchung können wir die Möglichkeit erwarten, das klinische Bild in die theoretischen und praktischen Begriffe der Entwdcklungspsychologie und der Psychodynamik zu übertragen. Von dieser Übertragung der Fakten in die Theorie kann man wohl die Formulierung einer Modellvorstellung erhoffen. Diese Modellvorstellung kann dann in der Praxis als Anleitung und in der Forschung als Werkzeug dienen. Aus diesen Bemerkungen geht hervor, daß mein Vortrag sich fast ausschließlich mit theoretischen Fragen befaßt oder — genauer gesagt — mit der Theorie über die weibliche Delinquenz.
Die Delinquenz ist ein juristisch-soziologischer Begriff mit schlecht abgegrenzten Beziehungen zur Verhaltensforschung und Psychologie und mit einigen widersprüchlichen Nebenbedeutungen in bezug auf das Alter des Verwahrlosten. Der Zustand der Delinquenz kann verglichen werden mit einem Fieberzustand im medizinischen Bereich. Beide lassen weder eine spezifische Ursache erkennen, noch stellen sie eine Krankheitseinheit dar. Alles, was wir aus dem Fieberzustand schließen können, ist, daß der Organismus unter abnormen Bedingungen steht; alles, was wir aus der Delinquenz schließen können, ist, daß sich das Individuum seiner Umgebung gegenüber in einem Zustand grober Disharmonie befindet.
Das Phänomen „Delinquenz“ liegt am Schnittpunkt verschiedener Disziplinen, die alle das menschliche Leben und das menschliche Verhalten zum Gegenstand haben. Die Hauptdisziplinen, die ich meine, werden vertreten durch die Psychologie, Psychiatrie, Soziologie, Geschichtsforschung, Biologie, Ökologie und Epidemiologie. Jede dieser Disziplinen erhebt zu Recht den Anspruch, daß die Delinquenz in den ihr eigenen Begriffen beschrieben und darüber hinaus von ihrer jeweiligen theoretischen und praktischen Lehre erfaßt und beein