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Untersucht man die Vorgänge und Probleme, für die der Begriff „Realitätsprinzip“ geprägt wurde, dann gibt es noch immer keinen besseren Ausgangspunkt als Freuds „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“ (zuerst 1911 veröffentlicht). Diese Arbeit ist auch in einer anderen Beziehung wichtig und interessant. Sie behandelt speziell eine Anzahl von Ich-Funktionen wie Bewußtsein, Denken, Aufmerksamkeit, Urteil, Handlung — und zwar avant la lettre', wenn man so sagen darf, bevor nämlich die Ich-Psychologie zum festen Bestandteil der Psychoanalyse geworden war; das heißt, Freuds Studien über die Ich-Funktionen waren noch nicht zu dem System zusammengewachsen, das wir heute Ich-Psychologie nennen. Damals gebrauchte Freud die Begriffe Lust-Ich und Real-Ich, und statt der späteren Begriffe Ich und Es sprach Freud noch von den einander opponierenden Ich- und Sexualtrieben. Einer der vielen wesentlichen Beiträge dieser Arbeit liegt in der Beobachtung, daß die Ich-Triebe dem Einfluß des Realitätsprinzips nachzugeben pflegen, während die Sexualtriebe viel länger unter der Herrschaft des Lustprinzips bleiben — eine Tatsache, die für die seelische Entwicklung im allgemeinen und für die Neurose im besonderen wichtig ist.
Die Erkenntnis, daß Lust und Unlust in der Motivierung des menschlichen Verhaltens vorherrschend sind, war der Aufmerksamkeit früherer Denker natürlich nicht entgangen; sie reicht weit in die Geschichte der Philosophie zurück und ist besonders von einer Schule britischer Philosophen sehr betont worden. Bentham sagt, um wenigstens einen von ihnen zu nennen, daß die Natur den Menschen unter die Herrschaft von zwei souveränen Machthabern gestellt habe, Schmerz und Lust. Wir finden auch schon in der vor-Freudschen Literatur Hinweise auf eine Entwicklung zu einem realitätsgerechteren Zustand. Freud hat hier nie Prioritätsrechte beansprucht; im Gegenteil, als er über das Lustprinzip sprach, sagte er, daß „Priorität und Originalität … nicht unter d