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Die Wahl meines Gegenstandes für den heutigen Tag mag einiger Erklärung bedürfen. In der täglichen Arbeit des Psychoanalytikers bleibt Freuds Denken weiterhin äußerst lebendig, mehr als das, es ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit. In diesem Sinne ist Freud für uns noch nicht zu einer „historischen Gestalt“ geworden, und unseren Gesichtspunkt so zu verändern, daß wir ihn mit den Augen des Historikers sehen, erfordert eine geistige Anstrengung. Doch ist diese Mühe unerläßlich, denn eine Darstellung seiner Entdeckungen und seines Denkens ohne historische Perspektive führt leicht zu Unklarheiten und Verwirrung. Auch können wir Freuds Leistung ohne genaue Kenntnis der ihm eigenen bemerkenswerten Wachstumsfähigkeit und der Wege, auf welchen diese Entwicklung zustande kam, schwerlich gerecht werden.
Auch nachdem die Fundamente der Psychoanalyse bereits gelegt waren, finden wir in Freuds Werk bis in seine letzten Arbeiten hinein viele recht radikale neue Ansätze und zahlreiche Neuformulierungen. Es gibt eine Reihe von Gegenständen in der Psychologie, deren Wichtigkeit er offen anerkannt, zu denen er aber, wie er oft sagte, noch nicht gekommen war. Diese Qualität des Noch-nicht-fertig-Seins, des Noch-nicht-das-letzte-Wort-gesagt-Habens hatte Freud im Sinn, wenn er bei Mißverständnissen seiner Lehren es für nötig fand, eine Trennungslinie zwischen der Psychoanalyse als empirischer Wissenschaft und den philosophischen Systemen zu ziehen. Er wollte natürlich damit nicht sagen, daß die Psychoanalyse weniger an die Prinzipien der Systematisierung gebunden sei als andere Naturwissenschaften. Freuds Hypothesen stehen in einem systematischen Zusammenhang: es besteht eine Rangordnung in der Bedeutung, der Nähe zur Beobachtung, dem Grad der Verifizierbarkeit seiner Hypothesen. Nichtsdestoweniger ist es wahr, daß es keine umfassende Darstellung der Psychoanalyse unter diesem Blickwinkel gibt. Auch scheint der Rückgriff auf eine historische Betrachtungsweise geboten — für die