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Trotz aller Gegensätzlichkeiten zwischen Anhängern und Gegnern Nietzsches wird heute wohl kaum jemand bezweifeln können, daß Nietzsche ein wesentliches Phänomen und Problem der jüngeren Geistesgeschichte darstellt. Es wäre einer Untersuchung wert, warum dem so ist; denn Nietzsche hat ja kein geschlossenes Werk hinterlassen, und seine einzelnen Bücher sind voll von Widersprüchen — wobei es die
Frage ist, wieweit von diesen gerade die meistgelesenen, die jetzt seinen höchsten Ruhm bilden, überhaupt als authentisch bezeichnet werden können. Ist es der Überdruß an geschlossenen philosophischen Systemen, die Auflehnung gegen das, was als unbequeme Autorität empfunden wird, oder ist es vielleicht weniger der Inhalt seiner Gedanken, als vielmehr die dichterische Gestaltungskraft des Wortes, die eine solche Anziehungskraft ausüben?
Ich neige daher zu der Meinung, daß ein Großteil der Breitenwirkung Nietzsches auf seine dichterische Gestaltungskraft zurückgeht, auf Fähigkeiten die es ihm vielleicht gerade unmöglich machten, ein geschlossenes philosophisches System durchzukonstruieren. Schrieb doch Robert Musil 1936 zur Theorie der Dichtung: „Eine fertige Weltanschauung verträgt keine Dichtung.“ Ich glaube, daß sich auch Kierkegaards Deutung des Dichters auf Nietzsche anwenden ließe; er schreibt: „Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, dessen Lippen so geformt sind, daß sein Seufzen und Schreien sich in schöne Musik verwandelt, während sich in seiner Seele geheime Qualen verbergen…“
Die enge wechselseitige Beziehung zwischen philosophischem Denken und dichterischem Ausdruck finden wir auch in einer Deutung Schellings, die engste Beziehungen zu Nietzsches Gegensatzpaar ‘apollinisch — dionysisch’ aufweist: „In demselben Äugenblick zugleich nüchtern und trunken sein, dies ist das Geheimnis wahrer Poesie“ (nicht aber Philosophie!). Ein weiterer Gedanke Nietzsches — der von der ewigen Wiederkehr — findet sich