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Im zweiten Band seiner Freud-Biographie (18) berichtet Jones über einen Briefwechsel zwischen Ferenczi und Freud aus dem Jahre 1910. Ferenczi hatte Bedenken darüber geäußert, welche Aufnahme Freuds Schrift über Leonardo da Vinci im Publikum finden werde. Freud antwortete, Ferenczi sollte sich nicht sorgen, er (Freud) habe seit langem für einen kleinen Kreis geschrieben, der sich freilich täglich erweiterte. Er fuhr fort: „Wir alle werden nach unserem Tod mehr Dank und Ruhm einheimsen, als es jetzt für uns gut wäre.“
Im gegenwärtigen Zeitpunkt, mehr als ein halbes Jahrhundert nach diesem Briefwechsel, scheint es mir interessant zu sein, sich mit dem Einfluß der Psychoanalyse, besonders der „angewandten“ Psychoanalyse, auf die Geisteswissenchaften zu beschäftigen. Hat sich Freuds Erwartung, daß die Welt der Psychoanalyse „Dank und Ruhm“ werde zukommen lassen, erfüllt? Darüber, daß die Psychoanalyse einen starken Einfluß auf das Denken im zwanzigsten Jahrhundert entfaltet hat, besteht kaum ein Zweifel. Wie steht es aber mit der gegenseitigen Befruchtung von Psychoanalyse und Geisteswissenschaften? Im besonderen: Ist es der angewandten Psychoanalyse gelungen, in die Gebiete, mit denen sie sich befaßt, so einzudringen, daß ihr Standpunkt von den Fachgelehrten akzeptiert und ihre Methode konstruktiv benützt wird? Gibt es Methodenprobleme, die den Kontakt zwischen angewandter Psychoanalyse und den Geisteswissenschaften erschwert haben und weiter erschweren könnten?
Dies sind Fragen, die ich mit Ihnen heute besprechen möchte. Gleich von vornherein will ich feststellen, daß ich mich keineswegs für einen Sachverständigen auf allen Gebieten der angewandten Psychoanalyse halte. Ich will nur sagen, daß meine Beschäftigung mit Problemen der angewandten Psychoanalyse, besonders mit dem Problemkreis, der Freuds „Totem und Tabu“ zugrunde liegt, und mit Fragen der Anwendung psychoanalytischer Methoden in der Geschichte, Bedenken in mir erregt hat; es scheint mir, daß die Methodenfrage