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Die Erinnerung an Lou Andreas-Salomé wird wohl vor allem wegen ihrer großen Freundschaften lebendig bleiben, war sie doch mit Nietzsche, Rilke und Freud befreundet. Der Glanz dieser Namen strahlt auf sie über und sichert ihr Unsterblichkeit; wer außer ihr könnte sich rühmen, mit allen dreien zugleich auch nur bekannt gewesen zu sein? Daß der große Philosoph, der Dichter und der Psychoanalytiker zum Leben und zu den Erinnerungen dieser Frau gehörten, deutet auf die Einzigartigkeit ihres Charakters hin. Es ist gewiß auch nicht nur geborgter Glanz, der von ihr ausgeht. Zwischen der Frau und jedem der drei Männer bestand eine Wechselwirkung; man wird finden, daß auch ihr Geist sich in den Werken der drei Partner fühlbar macht. Daher wendet sich das Interesse immer wieder ihren Tagebüchern zu.
Selbst das intimste Tagebuch scheint doch immer an einen Leser gerichtet zu sein. Lou Andreas-Salomés klingt, als wende es sich an einen ganzen Leserkreis, so daß man annehmen kann, es war von vornherein zur Veröffentlichung bestimmt, wenigstens teilweise, und die Autorin hat zugleich eine gewisse kritische Sorgfalt walten lassen. Es wurde in einem rotleinenen Kollegheft mit auswechselbaren Blättern geführt, das den Nazis, die nach ihrem Tode 1937 ihre Bibliothek durchstöberten, entging. Es besteht zum größeren Teil aus der Niederschrift ihrer Studien bei Freud und seinen damaligen Schülern. Sie war jedoch eine Studentin, die ihrem Lehrer bei allem Respekt durchaus auf gleicher Ebene begegnete und keinen Zweifel hatte, daß die Erfahrungen ihres eigenen Lebens als Kriterien für die Gültigkeit seiner großen Entdeckungen dienen konnten.
Die gleiche kritische Unabhängigkeit des Denkens, die das Tagebuch gegenüber dem Kreis um Freud und dem neugebildeten, rivalisierenden Kreis um Adler erkennen läßt, zeigt es auch gegenüber den anderen Freunden der Schreiberin. Sie verstand genug von Philosophie, um sich kritisch mit Max Scheler befassen zu können; sie traute sich genügend Einblick in die