You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Bitte der Redaktion der Zeitschrift „Psyche“, das Werk von Eissler über Goethe zu besprechen1, wurde mir zum Anlaß, mich aufs neue darauf zu besinnen, welchen Beitrag die Psychoanalyse zum besseren Verständnis der schöpferischen Persönlichkeit und ihrer Äußerungen leisten kann. Ich entdeckte nämlich, daß ich weder über deutliche Kriterien verfüge, nach denen ein Werk wie das von Eissler zu beurteilen ist, noch über Maßstäbe, mit denen es gemessen werden kann. Es wird sich erweisen, daß solche Kriterien sich organisch aus einer allgemeinen Betrachtung über die psychoanalytische Biographie ergeben.
Zunächst ist festzustellen, daß viele Menschen durch die Lektüre derartiger Biographien enttäuscht werden. Sie erhalten keine Antwort auf ihre Fragen und ärgern sich über das, was man ihnen statt dessen anbietet. H. Hartmann bemerkte in einem Gespräch: „Auf die Frage nach dem Wesen des Schöpferischen kann die Psychoanalyse keine Antwort geben, und die psychologischen Zusammenhänge, die man bei Verfassern literarischer Kunstwerke findet, kann man bei der Analyse anderer ebenso nachweisen.“ Schon Freud führte diese Argumente an — und zwar in seinem berühmten Aufsatz über Leonardo da Vinci: „Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung; es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren, die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.“2 Erwartet man also auf die Frage nach dem Wesen des Schöpferischen eine Antwort, oder glaubt man, bei dem Künstler psychologische Zusammenhänge zu finden, die bei anderen Menschen nicht auftreten, so wird man enttäuscht. „Man muß“, dieses Wort Kants gilt auch hier, „wissen, was man fragen darf“, und wir müssen die verschiedenen Fragen, die sich ergeben, deutlich voneinander unterscheiden.
Bevor w