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Der Psychoanalytiker hat guten Grund, Zurückhaltung zu üben, wenn er über die menschliche Tugend spricht. Denn täte er es leichthin, könnte man ihn verdächtigen, die Fülle aufschlußreicher Beobachtungen zu vergessen, die ihm seine Alltagsarbeit liefert und ihn mit dem „vieldurchwühlten Boden …, auf dem unsere Tugenden sich stolz erheben“, vertraut macht. Und man könnte ihm vorwerfen, er setze sich über die Weisung der Freudschen Lehre hinweg, daß die bewußten Werte erst dann einer verantwortungsvollen Neueinschätzung unterzogen werden können, wenn die unbewußten und die irrationalen Kräfte des Menschen ihren festen Platz in der Wertskala gefunden haben.
Aber gerade die Entwicklung des psychoanalytischen Denkens und die neuerdings bevorzugte Beschäftigung mit der „Ich-Stärke“ legen es nahe, die menschliche Stärke neu zu bedenken, nicht im Sinne des Edelmuts und der Rechtschaffenheit, wie sie die Morallehren kultivieren, sondern im Sinne der „inhärenten Stärke“. Denn ich glaube, daß wir Psychoanalytiker, nachdem wir nun ein halbes Jahrhundert lang Lebensgeschichten angehört haben, ein „inoffizielles“ Bild der „Stärken“ uns gebildet haben, die den individuellen Lebensläufen wie den Generationenfolgen innewohnen. Ich denke hier an die höchst erfreulichen Fälle, bei denen wir übereinstimmend sagen können, daß der Patient wirklich gebessert ist — nicht, wie die Fragebogen es gerne von uns haben wollen, „deutlich gebessert“ oder „teilweise gebessert“, sondern im Wesen gebessert. Hier wird das Verschwinden der Symptome nur beiläufig erwähnt, während das entscheidende Kriterium eine Zunahme an Stärke und Ausdauer der Konzentration des Patienten auf Bestrebungen ist, die irgendwie richtig sind, sei es nun in der Liebe oder in der Arbeit, im häuslichen Leben, in der Freundschaft oder als Staatsbürger. Ja, wir scheuen uns tatsächlich vor jeder systematischen Diskussion der menschlichen Stärke. Wir anerkennen zum Beispiel eine innere Affinität zw