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In meinem Aufsatz über psychoanalytische Wege zum Verständnis der schöpferischen Persönlichkeit (Psyche 20) habe ich mich bemüht darzulegen, welch große Bedeutung die Kenntnis des Lebens eines Künstlers für das Verständnis seines Werkes haben kann. Über einige Autoren, deren Werk für unsere Kultur von großer Bedeutung ist, wissen wir nur sehr wenig, während wir über andere vieles aus zahlreichen Quellen und Darstellungen wissen. Von dieser letztgenannten Gruppe ist Goethe einer der markantesten Vertreter. Goethe ist z. B. ebensowenig wie Hegel veraltet. Vielleicht spricht er das moderne Bewußtsein weniger an als Shakespeare, der in einer kulturellen Epoche lebte, die mehr Übereinstimmungen mit unserer Zeit aufweist. Goethes große Romane bewegen uns Ältere, aber auch die jüngere Generation. Sie haben Überzeugungskraft dank ihrer hervorragenden psychologischen Einsicht. Als Beispiel seien hier die „Wahlverwandtschaften“ genannt. Goethes Werk kann uns viel sagen, nicht minder faszinierend jedoch ist sein Leben, das durch ihn so geformt wurde, als sei es in sich selbst ein Kunstwerk. Über seiner frühen Zeit scheint der Glanz ewiger Jugend zu liegen, seine intelligenten Reflexionen, seine große Zuwendung zur Außenwelt und seine Verarbeitung dieser Eindrücke setzen eine Tradition fort, die seit Augustin große Bedeutung in unserer abendländischen Kultur hatte. Friedenthal (München ) ist der Autor eines Buches, das in moderner Diktion Goethe in die Gesellschaft stellt, in der er lebte. Eine tiefe Einsicht in die Beziehung zwischen Leben und Werk vermittelt Meyer (Hamburg-Bergedorf, ) in „Goethe, Das Leben im Werk“, ein meiner Ansicht nach sehr beeindruckendes Buch.
Jedes bedeutende Buch über Goethe strahlt etwas aus von der Goethe eigenen Vitalität, seiner Intensität, seinem alles durchdringenden Gefühl, daß das Leben wert sei, gelebt zu werden. Es liegt auf der Hand, daß die Beziehung zwischen Goethes literarischer Produktion und seinen Lebenskonflikten, die auf unbewußte p